Leseproben aus dem Romanmanuskript

Der Roman
„Jumping Man“
wurde Mai 2011 abgeschlossen
Der in der Mitte des Lebens stehende Psychotherapeut Dr. Gabriel Bonaccia zieht in sein geerbtes Ferienhaus im Süden, um endlich ein beschauliches, mediterranes Leben führen zu können. Um jedoch wirklich erwachsen zu werden, muss er sich seiner, ihn einholende Vergangenheit stellen. Es ist eine zum Teil sehr vergnügliche Geschichte über die Tücken und über die Wonnen älter zu werden. Es ist eine Erzählung, welche die Leser zum Lachen und Weinen zu bringen vermag, um an ihrem Ende schließlich zusammen mit dem Helden sein selbstbestimmtes neues Leben zu feiern. Eine Beschreibung von noch unberührter Natur im südlichen Europa und von Freundschaften zwischen Männern. Und schließlich eine Hymne über die ganz große Liebe zu einer nicht mehr jungen Frau, die selbst schon eine erwachsene Tochter hat.
Gott ist keine Ausrede
Roman
Unter dem Titel „Gott ist schuld“ im Melzer Verlag 2011 erschienen
http://de.wikipedia.org/wiki/Gott_ist_schuld
Leseprobe (die ersten 50 Seiten)
Zu dieser Jahreszeit wehte in der Schlucht der brütend heiße und außergewöhnlich trockene Wind, Chamsin, wie er in dieser Region genannt wurde. Der Chamsin blies tagsüber aus der östlich der Jordantalsenke gelegenen Wüste hoch nach Jerusalem. Er überquerte den Fluss, um dann dem uralten Weg zu folgen, den schon Jesus von Nazareth herauf pilgerte, um, aus Jericho kommend, die Heilige Stadt hoch oben in den Judäischen Bergen aufzusuchen.
„Sogar bei dieser Siedehitze kann sich der glühende Wind aus dem Osten an der Schönheit von Wadi Qelt nicht sattsehen“, pflegten die griechisch-orthodoxen Mönche des St.-Georg-Klosters zu erzählen. Ihr Kloster befand sich am unteren Ende der Schlucht und klebte wie der Horst des Wüstenadlers an der steilen Felswand.
So wie die meisten Wadis in der Judäischen Wüste entstand auch dieser Canyon über Jahrmillionen durch einen langen Erosionsprozess. Bei eher selten stattfindenden Regengüssen stürzten sich springflutartige Wassermassen in die tiefe Schlucht. Sie schnitten sich so ihren Weg durch die farbenlodernden Gesteinsschichten. Der alte, noch von den Römern angelegte Weg durch die atemberaubende Landschaft, war daher eine beliebte Touristenattraktion. Mit jedem Schritt offenbarte sich ein neuer Ausblick, Motiv für gezückte Kameras und Auslöser von staunender Ergriffenheit. Majestätisch ragten die zerklüfteten Felsen auf beiden Seiten steil nach oben, in allen Nuancen von Gelb, Ocker, Orange und Rot geschichtet. Wie in einem von Meisterhand gestalteten Gemälde, vervollständigten einzelne Grüntupfer die Gesamtkomposition dieses Landschaftsbildes. Dattelbäume und Palmen, Zypressen und Akazien krallten sich in den felsigen Boden an Stellen, wo ein wenig Grundwasser ihr Überleben sicherte. Den staunenden Wanderern bot sich nach einem Fußmarsch ein beeindruckender Anblick der Klosteranlage, wie sie in der Höhe der Steilwand fast zu schweben schien, mit ihren über dem Abgrund hängenden hölzernen Balkons und der hellblau getünchten Dachkuppel.
Nachts jedoch verstummten die Rufe der begeisterten Besucher. Wadi Qelt kehrte zu seiner vergeistigten Stille zurück. Mit der Dunkelheit legte sich auch eine himmlische Ruhe über die Judäische Wüste. Nur noch vereinzelte Mönche beschäftigten sich mit dem Studium ihrer heiligen Schriften oder dem Kopieren alter, sakraler Ikonen. Schließlich zogen auch sie sich in ihre Klausen zurück, um zu ruhen.
In einem Vorort der Stadt Ramallah schloss zur gleichen Zeit Scheich Hassan Salameh beim Licht einer Straßenlaterne die Eisentür der kleinen Koranschule, die er leitete. Er blieb regelmäßig bis spät in die Nacht, um seine Studien und Schreibarbeit auch nach den Lehrstunden noch fortzuführen. Er war ein beliebter geistlicher Lehrer und eine Autorität in religiösen Angelegenheiten. Obwohl er ein begeisterter Befürworter des nur wenige Jahre alten Friedensvertrages mit dem israelischen Staat war, schätzten ihn auch politisch radikalere Kreise unter den Palästinensern als aufrichtigen und rechtschaffenen Mann. Hassan Salameh steckte die Schlüssel in die Tasche seiner grünen Jacke und drehte sich um.
Es geschah so überraschend und schnell, dass er weder die Zeit noch die Chance hatte, wie auch immer zu reagieren. Als er im Wagen dieses Riesen hinten im Fond saß, seine Arme hinter seinem Rücken gefesselt, erst dann kam er dazu, den Ablauf dessen zu rekonstruieren, was einen Augenblick zuvor mit ihm geschehen war. Wie er im Schein der Laterne einem diesem Koloss von einem Mann kurz in die Augen schauen konnte. Wie der Hüne ihn packte und herumwirbelte, als wäre er selbst nichts als eine federleichte Lumpenpuppe. Wie er in Sekundenschnelle gefesselt, geknebelt, zu dem Wagen gezerrt und hineingeschoben wurde.
Und nun fuhren sie mit rasendem Tempo die Straße entlang, die in Richtung Wadi Qelt führte. Erst jetzt begann der alte Scheich sich der Situation, in die er geraten war, bewusst zu werden ... und der panischen Angst, die sich seiner bemächtigte. Was wollte dieser Fremde von ihm, dieser riesige Mensch, dessen Rücken so breit war, dass er kaum in den Fahrersitz passte, der seinen Kopf einziehen musste, um überhaupt im Wagen sitzen und steuern zu können? Wohin sollte diese erzwungene Reise nun gehen, und was war der Zweck dieser Entführung? Schließlich war er zwar ein allgemein angesehener Mann, jedoch weder vermögend noch politisch einflussreich.
Und die Zeiten des durch den Palästinakonflikt motivierten Terrors waren schon längst vorbei. Es herrschte Frieden im Lande Israel-Palästina.
Im griechisch orthodoxen St.-Georg-Kloster am Ausgang des Wadi Qelt, begannen die Mönche in ihren kargen Zellen auf ihren einfachen Lagerstätten sich zu entspannen und einzuschlafen.
Nur der alte Ordensvorsteher Theophanes stand auf einem der gezimmerten hölzernen Balkonvorbauten und wartete, einer alten Gewohnheit folgend, in der völligen Geräuschlosigkeit den Mondaufgang ab. Das Einzige, was er zu hören glaubte, war der stumme Flug eines kurz aufleuchtenden und verglühenden Meteoriten. Was er nicht wissen konnte: In jener dunklen Nacht wurde aus der allumfassenden Lautlosigkeit eine Totenstille.
Denn zur selben Zeit bahnte sich talaufwärts ein Ereignis an, das, obgleich so weit weg von der undurchdringlichen Welt der Mönche im St.-Georg-Kloster, gleichwohl diese völlig unbeteiligten Ordensbrüder, so wie auch Millionen von anderen Menschen in dem neuen Staat Israel-Palästina, ins Verderben zu führen vermochte.
Als Theophanes seine dritte Sternschnuppe gezählt und sich schließlich von seinem Aussichtspunkt zu seiner Mönchsklause zurückgezogen hatte, war der allseits beliebte und geachtete Schriftgelehrte Scheich Hassan Salameh schon nicht mehr am Leben.
Nahe des oberen Laufes des Wadi Qelts startete ein Mann seinen Wagen und eilte, im ersten Licht der am Horizont aufsteigenden Sonne, die Straße hinauf nach Jerusalem.
Ein langsamer Flug, ein intensiver Blick nach unten, gestochen scharfe Augen tasten Geröll und Felsen ab. Flügelschlag eines seltenen Gastes, von niemandem eingeladen. Ein Herrscher der Lüfte zwischen urzeitlicher Wüstenlandschaft und großstädtischer Zivilisation. Tief unter dem dahingleitenden Raubvogel herrschte in der Schlucht das blanke Entsetzen. Menschen, die nach Erbauung suchten, nach Teilnahme an einem Frieden unter den Völkern, einem Frieden in der Natur ... nun würden sie einen barbarischen Anblick mit nach hHause nehmen. In ihre Seele eingraviert für alle Zeiten. Als Zeugen von bösartiger Hand absichtlich missbraucht.
Zur gleichen frühen Morgenstunde saß sie in Jerusalem und freute sich. Nur einen Vogelflug entfernt von dieser bestürzten Touristengruppe, deren Wanderung jäh unterbrochen worden war. Sie fand es schon immer faszinierend, wenn ein Tag so ganz anders zu Ende geht, als er angefangen hat. Wenn er scheinbar Versprechungen einhält, die er zunächst gar nicht gemacht hatte.
Aber sicherlich nicht so. Denn was sich dort unten im Wadi abspielte, das konnte sie natürlich nicht wissen.
Kein Mensch hätte vorhersagen können, wie irreführend jener Morgen war. Ruhe und Frieden listig vortäuschend, so präsentierte er sich der noch nichts ahnenden Nir. Aber es gehört nicht zu den Gepflogenheiten eines Tages, seine Absichten im Vvorweg zu verraten.
Auch deshalb nahm sie sich frei und ging zu „ihrem Platz“, wie sie es nannte.
Heute wollte sie für eine Weile nicht Nir Zipori, Hauptkommissarin bei der Jerusalemer Polizei, sein. Augenblicklich gönnte sie sich eine kleine Verschnaufpause. Das Privileg, nur sie selbst zu sein. Eine zweiunddreißigjährige Frau, die nach niemandem fahndet, die von niemandem gesucht wird.
Ganz anders als viele ihrer Artgenossinnen mochte sie es nicht, wenn sich Männer nach ihr umdrehten, ihrer orientalischen Schönheit war sie sich nicht einmal richtig bewusst. Ihre Mutter nannte sie immer „meine Gazelle“. Mit ihren langen, gelockten, bläulich-schwarzen Haaren, ihren großen, dunklen Augen, in der Farbe zwischen Zimt und Kajal. Dem feinen, wie von der Hand eines altägyptischen Künstlers geformtemn Gesicht. Seit einigen Jahren hatte sie jedoch diese eher sinnliche Facette aus ihrem Alltag ausgeblendet. Entweder stürzte sie sich in ihre Polizeiarbeit und ging voll und ganz darin auf, oder sie verlor sich in den hohen Sphären, in der vergeistigten Welt der Poesie und der Literatur.
Neben ihr lag eine Tüte mit in Salz gerösteten Sonnenblumenkernen, die sie geschickt mit Zähnen und Zunge aufknackte und deren Inhalt sie mit Genuss knabberte. Die Schalen spuckte sie erst dann auf den steinigen Boden, wenn nachdem sie, nach Art mancher kleinern Nager, flink in alle Richtungen geblinzelte hatte, um sich zu vergewissern, dass niemand zusah. „Eine achtbare Frau“, wiederholte ihre Mutter Malka Zadok unentwegt, „tut so etwas nicht!“
In der Schlucht stützten und trösteten unterdessen die Stärkeren unter den Wanderern die sensibleren Gemüter, die mit dem soeben Erlebten nicht zurechtkamen. Schon Darstellungen dieser Art auf mittelalterlichen Altarbildern oder in reißerischen Nachrichtensendungen waren für viele schwer verdaulich. Aber völlig unvorbereitet, bei einer Wanderung, vor den eigenen Füßen, keine zwei Meter entfernt … schier unerträglich!
Mit dem Stummel eines weichen Bleistifts schrieb Nir gerne kleine Gedichte. Der Notizblock, welchen sie immer, schon aus beruflichen Gründen, bei sich zu tragen pflegte, war meistens viel zu früh voll. Zwischen Vermerken mit Namen und Telefonnummern befanden sich auch kurze literarische Versuche. Gedichtfragmente, manchmal sogar kleine Zeichnungen, von begabter Hand skizziert.
Ihre Arbeitskollegen schmunzelten. Sie mokierten sich über ihre kleinen Marotten. Nicht nur deshalb war sie eine Außenseiterin in ihrer Abteilung. Sowohl ihre Vorgesetzten als auch ihre Untergebenen taten sich manchmal schwer mit ihr. Denn Nir war das, was viele, besonders die Männer, eine „Granate“ nannten. Ihres strahlenden Äußeren wegen, Tochter aus einer Familie marokkanischer Einwanderer, dritte Generation in Israel. Noch mehr dank ihrer Vorgehensweise bei der Arbeit. Wie eine Granate hatte sie einen „durchschlagenden“ Erfolg. Sei es bei der Ergreifung böser Spitzbuben, sei es beim dem Abwehren von Mannsbildern mit diesem „archaischen Reflex der Anmache“. Auch ihr bestimmtes, ja fast bestimmendes Auftreten, hatte ihr viel Beachtung eingebracht. Allerdings auch die Unterstellung, dominant zu sein ...
So richtig beliebt war sie also weder bei den weiblichen Kollegen noch bei den männlichen Mitarbeitern. Dafür war sie zu unnahbar, zu erfolgreich und zu gutaussehend.
Zu guter Letzt hatte er es geschafft. Einer der wWendigen unter den Wanderern hatte sich nach oben gearbeitet. Er kletterte die Schluchtwand über den letzten Felsvorsprung hinauf und holte sein Mobiltelefon aus der Tasche. Er versuchte es abermals und atmete auf. Endlich hatte er Empfang. Nun musste er allerdings, ohne Kenntnis einer der Landessprachen und ohne irgendeine geeignete Telefonnummer, Hilfe rufen. Er versuchte, das Hotel zu kontaktieren. Irgendjemand würde schon sein Holländisch oder sein holpriges Englisch verstehen. Er würde dann nur noch die Polizei erwähnen und die Qelt-Schlucht nennen müssen.
Von alledem wusste die Polizeibeamtin immer noch nichts. An jenem sonnigen und noch recht milden Septembertag fühlte sie sich rundum zufrieden. Ihr Tagesdienst sollte erst nachmittags beginnen. Das hatte sie mit ihrem Vorgesetzten Noach Abutbul schon so ausgehandelt. Und sie konnte unbeschwert und fast unbeobachtet das tun, was sie eben als ihr „kleines Geheimnis“ bezeichnete. Auf einem flachen Stein im Schatten der Ölbäume sitzen. Und von hier aus diesen ergreifenden Blick auf die Altstadt Jerusalems genießen.
Mit langsamen Flügelschlägen, getragen vom Chamsin, schwebte der Raubvogel von Wadi Qelt hinauf nach Jerusalem. Von seiner höheren Warte aus würde er gleich das goldene Aufblitzen der weithin sichtbaren Kuppel auf dem Tempelberg wahrnehmen können.
Das Panorama, welches man hatte, wenn man vom Ölberg aus, hinüber zu der Tempelplattform des Herodian schaute, war einmalig. Ein Ausblick auf die Anlage, die als Tempelberg bekannt war.
Es kann schon sein, dass die Ewige Stadt, in das rotes Abendlicht der untergehenden Sonne getaucht, noch imposanter aussieht als sonst. Besungen und gelobt wie eine in Seide und Geschmeide geschmückte Braut. Die Geliebte, welche zu ihrer Hochzeit geführt wird. Dann ist diese Metropole hoch oben auf den Bergen wirklich eine Stadt „aus Gold“ – „Yerushalayim shel zahav“. Aber diese dunstig flimmernde Luft des beginnenden und noch nicht aufgeheizten Tages ließ ihre berühmten sakralen Monumente zu einem Pastell aus sehr hellen Ocker- und Gelbtönen verschmelzen. Ein vielleicht etwas weniger spektakuläres Bild, aber von unbeschreiblicher Anmut.
Ein durchdringendes, schrilles Kreischen, wie es Raubvögel zuweilen von sich geben, ließ die Singvögel aufgeschreckt hoch- und davon flattern.
Gleichzeitig schreckte das Mobiltelefon die Oberkommissarin auf. Es war eines jener neumodischen Geräte mit verschiedenen Zusatzfunktionen, mit denen man die Mitarbeiter der Sicherheitsdienste zuletzt ausgestattet hatte. Ein Signalton aus der Zentrale. Sie beschloss, sich zu verleugnen, und drückte das Gespräch weg. Einen Augenblick später meldete sich das Gerät erneut, ebenso schrill und fordernd nochmal. Wieder ließ sie es verstummen.
Die stolze Kuppel des Omar-Tempels leuchtete wie ein goldenes Auge über den hohen, uralten Mauern. Links von ihm ruhte seine bescheidenere, vergeistigte Schwester, die El-Aqsa-Moschee mit ihrer silberbleiernen Haube, sozusagen das andere Auge ... und die Reihen der Zypressen und der Minarette in der Altstadt bildeten deren Wimpern.
Aus der Vogelperspektive waren diese beiden Gebäude, die zwei Heiligtümer auf dem Har-Habait, hebräisch „Berg des Hauses Gottes“, bis vor kurzem noch der Blickfang schlechthin. Nun gab es aber weiter unten im Kidron-Tal auch noch eine neue Kuppel. Erst letztes Jahr eingeweiht und inzwischen schon weltberühmt. Ganz weit links, hinter dem Stadtteil Siloah, konnte man die riesige Überdachungskuppel des Friedensparks erahnen. Hier wurde eine Parkanlage mit Museum als Zeichen und als Danksagung angelegt, finanziert von reichen Sponsoren mit arabischem und jüdischem Hintergrund.
Das stetige Rauschen der vom Verkehr belebten Straße nach Jericho stieg mit dem Morgendunst zu Nir herauf, ging aber im Rascheln der Baumblätter fast wieder unter. Die Hänge waren mit unendlich vielen alten Grab- und Mauersteinen gespickt. In diesem Teil der Stadt lagen muslimische und jüdische „Begräbnisfelder“ weit gestreut. Friedhöfe in Europa strahlen eine Aura von Abschied und Vergänglichkeit aus. Diese uralten Ruhestätten hier, mit ihren tTausenden hellen Grabsteinen, wirkten mehr als wie Symbole der Ewigkeit.
Ein Wagen keuchte hinter ihr den Berg hinauf, von weit weg ertönte die Sirene eines Krankenwagens. Hier aber, zwischen den Bäumen, fand Nir dennoch die Ruhe, die sie so schätzte! Hier konnte sie ihren Gedanken nachhängen, und sich darüber freuen, wie die Trennungstrauer langsam nachließ. Dieses Gefühl, das sie so lange regelrecht gelähmt hatte. Sie zu einer Fremden im eigenen Körper gemacht hatte werden lassen. Sie wunderte sich, nun eine neue Courage, das Zulassen eines Neuanfangs, zu entdecken ...
Wieder erwachte das Mobiltelefon. In dieser Stille kreischte es regelrecht. Es gab den vereinbarten Signalton von sich. Eine Art internern Code für die Mitarbeiter der Polizei. Nir verzog die Lippen. Fast hätte sie nachgegeben, doch sie beschloss, trotzig zu bleiben. Nach unendlich langer Zeit, wie es ihr vorkam, hörte das lästige Meldezeichen auf.
Ein routinierter Ablauf polizeilicher Notmaßnahmen hatte jedoch schon ohne sie begonnen.
Genervt schaute sie nach oben. Zwischen den Kronen zweier Zypressen sah sie den Vogel. Größer als eine Krähe, farblich fast vollendet getarnt, denn seine Körperunterseite war von einem blassen Graublau. Nir kniff ihre die Augen zusammen. Bei einem seitlichen Flugmanöver erkannte sie seinen den rötlich gefärbten Nacken des Vogels. Ein Gefühl von Bewunderung erfasste sie, so etwas wie Rührung. Fast ein Mitgefühl für ein Tier, das ganz und gar Jäger war.
Ach, war es schön, da hier oben auf dem Ölberg zu sitzen! Denn das pulsierende, zuweilen auch etwas hektische Leben dieser uralten hochmodernen Stadt war seit geraumer Zeit noch rasanter, noch lauter geworden. Vielleicht doch ein, wenn auch verhältnismäßig kleiner, Preis für das größte Geschenk, welches diese Stadt überhaupt erhalten konnte. Seit ein paar Jahren herrschte hier wirklicher Frieden!
Die Polizeistreifen der Hauptwache von Ramallah rasten derweil mit Allrad getrieben in Richtung Wadi Qelt, während die Wanderer Schatten und Schutz suchend abseits des Grauens nah beieinander saßen. Einige Frauen weinten. Die Männer vermieden es, sich gegenseitig in die Augen zu blicken. Zum Teil umarmten sich die verstörten Wanderer oder hielten sich die Hände.
Immer noch unbekümmert versuchte sich Nir indes in Poesie. Sie blätterte die Seiten in ihrem Notizblock um, es waren kaum noch Blätter an der Spiralfeder befestigt. Sie riss sie immer aus, wenn eine „Nuss geknackt war“, wie sie sich ausdrückte. Denn ihre Arbeit als Kommissarin bei der Jerusalemer Polizei verstand sie als Rätselraten. Als würde man knifflige Denkaufgaben lösen. In letzter Zeit allerdings waren die Nüsse, die sie zu knacken hatte, eher simple Denksportaufgaben.
Von ihrer Ausbildung und späteren Weiterbildung her war sie auf „Soziales“ spezialisiert: Gewalt in der Ehe, Vergewaltigungen, Kindesmissbrauch. Doch im Laufe der Zeit wurden ihr immer mehr Fälle anvertraut, die man allgemein mit dem Begriff „Kapitalverbrechen“ umschrieb. Sei es, weil sich ihr direkter Vorgesetzter Noach Abutbul gerne Aufgaben, die körperlichen Einsatz verlangten, entledigte. Er war nun mal ein beleibter Mensch mit einem Hang zur Bequemlichkeit. Oder sei es, weil Nir, wie er meinte, ihren Dienst auch mit den „Waffen einer Frau“ leistete. Mit solchen Bemerkungen erntete er bei von ihr regelmäßig jenen Blick, den Männer mit ihren schimpfenden Müttern assoziieren und dem sie daher auch nicht standhalten können. Dann grinste er und präzisierte: „mMit Einfühlsamkeit und feinem Gespür für „,das Menschliche“’“.
Das, was die Hauptwache in Ramallah in Aufruhr versetzte, hatte inzwischen auch die Polizeiwache in Jerusalem Nord ziemlich aufgerüttelt. Die Datenmenge, die durch die Telefon- und Kommunikationszentralen floss, vervielfältigte sich abrupt. Noach Abutbul überlegte, ob es ein Fall zur Aktivierung von Alarmstufe Gelb wäre, einer höheren Einstufung der Alarmbereitschaft.
Davon bekam Nir immer noch nichts mit. Sie holte aus ihrer Tasche einen Roman von Tahar Ben Jelloun, einem in Paris lebenden marokkanischen Autor, und fing an zu lesen. Irgendwie konnte sie sich auf dieses Buch nicht konzentrieren, obwohl die Welt der Bücher fast so etwas wie ein zweites Zuhause für sie war. Mit den Helden der Romane konnte sie so leicht hoffen und bangen, ein Leben erträumen, das frei war von traditionellen Konventionen, wie sie es auf Schritt und Tritt erleben und erdulden musste. Frei von ihrer frömmelnden sephardischen Familie aus dem nordafrikanischen Milieu. Herzensgute Menschen, die aber jedoch Nirs Leben andauernd beobachteten und kommentierten. Frei von der zuweilen etwas eintönigen Arbeit mit Menschen, die so ganz andere Dinge schätzten und anderem nachhingen als sie.
Wenn sie bei der Polizei über die Jahre hinweg weiterhin ihren Dienst täte, würde sie nie einen passenden Mann finden ... Sei’s drum! Doch hier, an „ihrem Ort“, atmete sie die klare Wüstenluft der Judäischen Berge tief ein. Jene Gebirgsluft, die Religionsverkündern zu göttlichen Eingebungen verhalf, gläubigen Wallfahrern zum ersehnten Heil und Schriftstellern zu künstlerischen Inspirationen. Sie aber fühlte sich hier einfach nur friedlich und gelassen.
Und wieder fiel es ihr auf. Die Stimmung dieser Stadt beim ersten Sonnenstrahl wäre für sie ein Aquarell eines Henri Matisse. Die Vergoldung ihrer Dächer bei Sonnenuntergang eventuell eine Lichtorgie in Öl auf Leinwand, wie aus der Hand eines William Turners. Aber dieses Flimmern und Flirren der hellen Töne, so, wie sich die Aussicht im Moment darbot, wäre ihrer Meinung nach am besten von einem Edgar Degas wiedergegeben. Vielleicht hätte er eine Pastell-zeichnung angefertigt mit dem Titel „Jerusalem bei der Morgentoilette“.
Ameisen, kleine Heuschrecken und Grashüpfer belebten die spärlichen Gräser am Boden. Eine Zikade sägte ihre eintönige Melodie von der Baumkrone hinunter. Ein heißer Windhauch, der aus dem Kidron-Tal heraufwehte, ließ die länglichen Blätter und Zweige der Oliven wie die Betenden an der Klagemauer schaukeln.
Nir legte das Buch zur Seite und steckte ihren Bleistift wie ein Lesezeichen zwischen die Seiten ihres gerupften Notizblockes.
Sie schaute hoch. Nur ein paar Meter weiter weg erblickte sie zwei Männer, die sich auf einer Bank rittlings gegenübersaßen. Sie hatten ein Spielbrett zwischen sich platziert und waren in den Tanz ihrer Würfel und die Position ihrer Spielfiguren vertieft. Sie schienen sich übrigens blendend zu verstehen, obwohl der eine Hebräisch sprach und der andere ihm auf Arabisch antwortete. Darauf erwiderte der Erste etwas auf Hebräisch. Worte, die scheinbar auch gut begriffen wurden. Nir musste schmunzeln. Da saß ein frommer Jude, ein Chassid, ihm gegenüber ein älterer Araber in Kaftan und kariertem Kopftuch, und sie spielten Backgammon.
Herrlich, herrlich, diese Ruhe! Und dann klingelte das Handy in Nirs Tasche zum vierten Mal. „Hallo!“, meldete sie sich Nir, nach Art der Israelis, laut rufend und ohne ihren Namen zu nennen.
„Wo treibst du dich herum!“, krächzte es aus dem Hörer. „Es gibt Arbeit, du sollst mal gleich bei Noach reinschauen, der hat was für dich“.“
Es war Thalia Zucker, die unangefochtene Herrscherin über Telefon und Funk bei der Nordwache der Jerusalemer Polizei.
„Thalia, ich bitte dich! Du weißt doch, dass ich heute vVormittags frei habe.“ Nir legte einen Hauch von weinerlichem Trotz in ihre Stimme. „Außerdem bin ich mitten in der Natur, zwischen Oliven und Zypressen in entferntester Abgeschiedenheit!“
Thalia Zucker war die unerschöpfliche Quelle von Informationen aller Art. Allerdings hauptsächlich für solche Mitarbeiter, mit denen sie sich gut verstand. Oder solche, die sie sehr mochte. Auf diese kleine Machtposition achtete sie ganz eifersüchtig und mit voller Unterstützung von Nir. Die Kommissarin war nämlich eine große Nutznießerin dieses Privilegs. Denn es gab da ein offenes Geheimnis, wem die Sympathien von Thalia Zucker galten.
Insgeheim schwärmte sie für Nir. Sie schätzte ihren eher zugeknöpften Umgangston. Ihre betont einfache Aufmachung, als ob sie sich bemühte, ihre orientalische Anmut zu verstecken. Thalia verwahrte sich gegen jede Unterstellung, sie sei etwa hinter Nir richtig her oder so etwas Ähnliches. Aber die weibliche Erscheinung der Untersuchungsbeamtin mit ihren zuweilen männlich-herben Umgangsformen ... das hatte schon was. Diese Kombination hatte es ihr schon seit langem angetan ... Beamtin Zipori war sowieso die Schlagkräftigste. Und überhaupt, warum muss man sich rechtfertigen, wenn man im Verborgenen in jemanden verliebt ist! Vielleicht machte sie sich auch gewisse Hoffnungen auf eine, wie auch immer geartete, engere Beziehung. Denn Nir lebte nach ihrer Trennung von ihrem Mann Dr. Raphael Zipori, diesem stadtbekannten Akademie-Bohemien, diesem hoffnungslosen Schürzenjäger ... sie lebte also allein. Und sie hatte in letzter Zeit immer wieder mal angedeutet, dass allein auch einsam heißen konnte.
Thalia wurde misstrauisch, sie versuchte, sich ein etwas genaueres Bild zu machen. „Habt ihr eine Decke dabei? Eine Flasche Wein? Wer ist bei dir, wie heißt er?“ Ein schelmischer Unterton war nicht zu überhören, aber war da auch so etwas wie Eifersucht oder Neid?
„Lass doch, Thalia, du kennst mich doch. Keine Männer, keine Hunde! Ich versuche nur etwas Gelassenheit zu finden, ein bisschen Ruhe ... iIch schau später bei Noach rein, vielleicht heute Nachmittag.“
„Ich glaube, das wird unserem Vorgesetzten Noach Abutbul wirklich nicht passen. Da ist nämlich wieder so eine Geschichte, weißt du, nach JVP § 107. Du weißt schon ...“, und die Sekretärin imitierte den lehrmeisterlichen Unterton ihres Chefs Abutbul: „Dieser Frieden ist nicht gut! Da war der ewige Kriegszustand schon besser. Denn außer den befreiten Böden haben wir auch die Freiheit selbst wieder verloren. Jetzt müssen wir sogar mit den Schwarzen kooperieren!“
Laut desm umfangreichen palästinensisch-israelischen Vereinigungsvertrags, kurz „Jerusalemer Verträge“ genannt, Abschnitt Polizei, Paragraph hundertundsieben, waren trotz der Länderhoheit, welche die Sicherheitsorgane in jedem einzelnen Bundesland hatten, die einzelnen Reviere angehalten, bei bestimmten Aufgaben zu kooperieren. Und zwar besonders dann, wenn Opfer oder Täter, Tatort oder die offensichtlichen Hintergründe des Falls eine Verknüpfung zwischen zwei oder mehreren Distrikten vermuten ließen. Sonst hatten die einzelnen Länder, auch in Bezug auf ihre Polizeikräfte, eine vertraglich festgelegte und ausgeprägte Souveränität.
„Ja, ja, der Abutbul wird sich nicht mehr ändern“, stöhnte Nir. „Es will ihm einfach nicht in den Kopf, dass es keine guten Kriege gibt, so, wie es keinen schlechten Frieden gibt! Aber, dass gerade ich mich mit diesem Paragraphen herumschlagen muss,“, Nir schüttelte den Kopf, sie war ziemlich genervt, „und jetzt auch das noch! So was drückt er natürlich gerade mir aufs Auge! Er weiß doch, dass es mir nicht so passt, mit einem Mann zusammenzuarbeiten. Er macht das nur, weil keiner von uns mit einem Araberbullen zusammen auf Streife gehen will.“
„Seit wann hast du was gegen Araber, Nir? Jetzt bin ich aber platt, ich wusste nicht, dass auch du ...“, in Thalias Stimme war ein gewisses Staunen nicht zu überhören.
„Unsinn, nichts gegen Araber, gar nichts ... aber gegen Männer!“, polterte Nir. „Kannst du dir vorstellen, wie es ist, mit so einem Muslim-Macho zusammen zu ermitteln?“
Das hörte Thalia nicht ungern. Es war ihr sogar recht, dass Nir sie in diesem Moment nicht sehen konnte. Denn mit der so gestärkten alten Hoffnung schoss ihr auch die Röte ins Gesicht. „Na ja, komm rein und hol dir erst mal das Plastik bei Noach ab. Diese Sache scheint ihn zu wurmen, er will doch mit seiner Frau morgen nach Italien. Du weißt schon, Bella Italia, Spaghetti und so.“
Mit dem Begriff „Plastik“ wurde ein kleiner Dateiträger bezeichnet, der in letzter Zeit Papierordner, Akten und Spiralblocks fast völlig verdrängt hatte. Dieser virtuelle Speicher war so groß wie eine Speicherkarte für Digitalkameras. Kombiniert mit einem internetfähigen Handy, stellte er, was die Leistungsstärke anbetraf, fast jede polizeiliche Kommandozentrale in den Schatten.
„Um was geht’s denn? Warum brennt’s so, wenn man fragen darf?“
„Weiß ich doch nicht, Nir. Alles wie immer geheim. Und im Netz sowieso keine Einzelheiten!“
„Komm, mach schon, Thalia!“
„Na ja ... ich weiß es wirklich nicht so genau ... eigentlich darf ich doch nicht ...“
„Thalia!!!“
„O.Kk., reg’ dich ab. Es ist stammt vom Polizeidistrikt Ramallah“, Iihre Stimme wurde jetzt ernster, leiser, „ich glaube, schon wieder so eine Geschichte wie vor kurzem in Hebron. Ganz unheimlich ... ich sag dir ehrlich, das geht mir schon unter die Haut, irgendwie gruselig!“
Nir hatte schon von der „Sache Hebron“ gehört, aber nur so, unter der Hand.
Obwohl alles versucht wurde, um „aus Gründen der nationalen Sicherheit“ die Geschichte zu vertuschen, dann zu verkleinern und schließlich zu verharmlosen, drang sie doch durch irgendwelche Quellen an die Öffentlichkeit. Ein Fall, nicht unähnlich dem Mord im Wadi Qelt.
Die Reaktionen waren verheerend.
Das zarte Gefüge eines neuen multikulturellen Staates, eines einmaligen historischen Experiments, schien mächtig auf die Probe gestellt. Demonstrationen brachen aus, alte Vorurteile schienen wieder aufzuflammen. Anschuldigungen und Verschwörungstheorien schossen ins Kraut. Nur mühsam geheilte, alte Wunden drohten wieder aufzureißen. Und nun dieser zweite Tatbestand. Und wieder so eine ... Abscheulichkeit. Dieser ad acta gelegte Fall aus Hebron hatte der Chef, Noach Abutbul, persönlich bearbeitet. Irgendwie schien es ihm aber überaus willkommen, dass die Akte schon nach zwei Tagen, auf Anordnung „von ganz oben“, als erledigt zu betrachten war. Erstens plante er schon seinen Italienurlaub. Zweitens hätte eine Verfolgung dieser Geschichte „echten Einsatz“ verlangt, und drittens, das war immer sein letztes Argument, und drittens überhaupt!
Aus gebührendem Abstand betrachteten zwei der Wanderer im Wadi Qelt das, was die ganze gesamte Touristengruppe so verstört und die hektischen Aktivitäten der Behörden ausgelöst hatte. Die Wanderung im Wadi Qelt hätte eine Bereicherung ihrer Nahostreise werden sollen, vielleicht sogar ein Highlight, doch sie endete als Fiasko! Und hoch oben im Himmel drehten schon die ersten Geier ihre Runden. Diesen scharfäugigen Gesellen entging nichts, was zwischen der Arava-Steppe und Samaria zu Tode kam. Die hinbeorderten Beamten aus der Polizeiwache von Ramallah hatten unterdessen ihre Wagen neben einer Wasserstation und ein paar Beduinenzelten geparkt und begannen mit dem Abstieg zur beschriebenen Stelle des Tatortes.
„Na gut, in Ordnung, ich komme vorbei. Es dauert vielleicht ein paar Minuten. Bin auf dem Ölberg und muss noch zur Pater-Noster-Kirche, da steht mein Wagen“.“
„Ja, aber mach’ schnell“, meinte Thalia, „ich will meine Mittagspause nicht im Revier verbringen. Außerdem, wenn du gleich kommst, habe ich eine kleine Überraschung für dich.“ An die Regelmäßigkeit von Thalias Aufmerksamkeiten hatte sie sich schon fast gewöhnt. Auch wenn die vielen Gefälligkeiten sie manchmal etwas verwirrten. Doch Nir hörte einen vielversprechenden Unterton aus Thalias Stimme heraus. Sie war neugierig geworden. Auch auf diesen neuen Auftrag beziehungsweise, auf die dubiosen Informationen aus Ramallah.
„Und die Überraschung wäre?“
„Habe dir für dich das Buch von Ghazi Abdel-Qadir gefunden! Und gekauft!“, sagte Thalia triumphierend.
„Ich mache das Blaulicht an“, flötete Nir, „ich rase schon, du bist ein Schatz!“
Von Blaulicht war keine Rede. Nir fuhr einen uralten Wagen, den sie als eine Art Trostpflaster von ihrem Exmann zum Abschied bekommen hatte. Einen Karren, der mit seinen mindestens 60 Jahren auf dem Buckel entweder Bewunderung oder Belustigung auslöste. Das Auto wurde von ihr selbst über und über mit Blümchen bemalt. So akkurat und detailliert, dass es noch Wochen dauern würde, bis das blecherne Gärtchen fertig sein würde.
Eigentlich war die Dienststelle Jerusalem Nord in der ehemaligen, inzwischen aus- und umgebauten Polizeischule im Stadtteil Sheikh Jarrah untergebracht. Nicht weit von der obersten israelisch-palästinensischen Polizeizentrale und Sitz des Polizeiministeriums. Sie hätte also schnell über die Samuel Ben-Adia- und bis zur Levi-Eshkol-Straße fahren können. Doch Nir wollte sich noch etwas Zeit lassen.
So steuerte sie den alten, knallig bunten VW-Käfer, inzwischen schon so etwas wie ein wertvoller Oldtimer, Richtung Süden. Dann fuhr sie die Jericho Straße hinunter, um rechts aus dem Kidron-Tal heraus am Jüdischen Viertel vorbei, in die neueren Stadtteile zu kommen. Sie wollte nur noch etwas Zeit herausschinden, noch ein paar Minuten länger mit sich selbst und allein sein.
In der Batei-Machasse-Straße, neben dem alten jüdischen Viertel, musste sie warten. Ein Busfahrer versuchte umständlich, sein Fahrzeug in den fließenden Verkehr einzufädeln. Nir legte eine Musikkassette in das alte Autoradio ein. Sie hatte sich diese Aufnahme in der Wache von einer schon alten CD auf dieses noch ältere System überspielen lassen. Dort gab es noch die notwendige Technik für so etwas. Die Stimme von Sonia M´Barek zelebrierte den klassischen tunesischen Maalouf. Einen Stil, der Nir ein bisschen an den Flamencogesang des mittelalterlichen Andalusien erinnerte.
Hier, in unmittelbarer Nähe der Klagemauer und der südlichen Tore zur Altstadt, fuhren täglich Hunderte von Bussen vor. Solche, die zu den städtischen Verkehrsbetrieben „Eged“ gehörten, und natürlich die grellbunt lackierten Massentransporter verschiedenster Tourismusveranstalter. Der Bus jedoch, dessen Fahrer sich so schwer tat, in die Batei-Machasse-Straße einzubiegen, fiel Nir irgendwie auf. Es war ein kleiner Personentransporter mit vielleicht sechs oder acht Sitzreihen. Warum, fragte sie sich, war die Sicht aus allen Fenstern, bis auf die Windschutzscheibe, durch Sonnenblenden versperrt worden? Touristen kommen doch, um Land und Leute zu sehen, und nicht, um im Bus zu schlafen oder Zeitung zu lesen. Außerdem war das Sonnenlicht an jenem Morgen noch nicht so grell. Auch sonst fiel Nirs geübtem Blick das Gefährt auf. Von seiner Straßenlage her sah es völlig überlastet aus. So, als würde auf dem Schoß eines jeden Passagiers mindestens noch ein Zzweiter sitzen. Schließlich schaffte es der Fahrer, Richtung Osten einzubiegen, und der Verkehr rollte wieder. Nir fuhr an, beschleunigte und verschwand in Richtung Zion-Tor, also nach Westen. O.Kk., Abutbul, ich komme ja schon, dachte sie, was gibt es schon wieder so Dringendes? Noch einen familiären Ehrenmord, einen dramatischen Höhepunkt einer erzwungenen Ehe, ein fatales Ende einer Drogenkarriere? Würde sie wieder einmal von Berufs wegen die unappetitlichen Scherben eines tragischen Irrweges einsammeln müssen? ...
2.
Er saß an seinem aufgeräumten, fast leeren Schreibtisch, ein Standardmöbel aus den Zeiten vor dem Zusammenschluss. Noach Abutbul, Kommandant der Station Jerusalem Nord, wartete wie immer auf zwei Dinge: auf eine Beförderung zur nächsten Gehaltsstufe und auf den Feierabend. Vor ihm lagen noch Reste von Fastfoodverpackungen der letzten zwei, drei Mahlzeiten, verschiedene Reiseprospekte und Touristenwerbungen für Italien. Außerdem ein kleiner flacher Gegenstand, wie die Speicherkarte einer Digitalkamera.
Er war ein „ziemlich runder Mann“, wie ihn Thalia beschrieb. Fast immer gerade dabei, einen Falafel zu essen. Ein Mensch, der sich auch im Winter ständig den Schweiß von der Stirn wischte.
Und er gehörte zu jenen Vorgesetzten, die einen noch so kleinen Patzer bei ihren Mitarbeitern mit heftigen Vorwürfen und Erniedrigungen quittierten. War jedoch eine Untersuchung zufriedenstellend abgeschlossen worden, ließ er sich’s nicht nehmen, den Erfolg wie selbstverständlich auf das eigene Konto zu buchen. Das Wohlwollen seiner Polizeikollegen versuchte er dann, meistens mit Erfolg, durch kleine Clownerien und durch gastronomische Spendierlust zu erhalten. Seine Einladungen zu FBI’s (Falafel, Bier und Irisch Whisky) waren schon Legende. Veranstaltungen, bei denen er kumpelhafte Freundschaft demonstrierte und anzügliche Witze erzählte.
Auf der glänzend silbrig beschichteten Wand vor ihm lief permanent ein Film oder ein Fernsehprogramm, von einem unsichtbar platzierten Beamer projiziert. Immer wieder wurde die Projektion des laufenden Fußballspiels, die Löwen von Gaza gegen Makabi Tel-Aviv, unterbrochen. Dann waren etwa eine interaktive „Jetztzeit“-Verkehrskarte von Groß-Jerusalem zu sehen oder die neuesten Fahndungsfotos gesuchter Personen.
„Was ist nun mit meiner Untersuchungsbeamtin?!“, polterte Noach, nachdem er auf einens der verschiedenen kleinen Knöpfchen auf seinem Tisch gedrückte hatte. „Kinder hat sie nicht, Lippenstift oder schicke Schuhe kauft sie nie, sie könnte schon längst hier sein!“
Auf der Projektionswand erschien augenblicklich das Gesicht einer blassen Frau mit einer auffälligen Brille. „Sie ist schon unterwegs, Abutbul, habe sie schon auf Welle elf erreicht.“
„Das habe ich schon mitbekommen, Frau Zucker“, rief der Kommandant mit vollem Mund, „und auch, dass du schon wieder zu viel im Funk plauderst. Eines Tages wird es Konsequenzen geben, das sage ich dir, und dann wirst du ...“
Weiter kam er nicht. Irgendein Gemüsewürfel aus seiner Falafel blieb ihm im Hals stecken. Er hustete heftig, rang nach Luft und spuckte schließlich etwas auf den Tisch. Auf dem Projektionsbild an der Wand verwaisten nun der drehbare Schreibtischstuhl und das Mikrophon. Dahinter erschienen die Rücken zweier Polizisten in Uniform vor mehreren flackernden Bildschirmen.
In diesem Moment stürzte die Frau, welche kurz davor auf Abutbuls Wand virtuell zu sehen gewesen war, mit einem Glas Wasser ins Zimmer. Noach griff dankend danach und leerte es in einem Zug aus. Dann schaute er erleichtert und versöhnlich zu Thalia. „Und sich von der Kommunikationszentrale eigenmächtig zu entfernen, ist noch verwerflicher“, sagte er. Noach Dabei lächelte aber er und legte loyal seine Hand auf ihre zierliche Schulter.
Die Telefonistin blickte ihn mit einem gespielten Ausdruck übertriebener Unterwürfigkeit an. Dann ließ sie ein verführerisches Lächeln um ihre Mundwinkel spielen. Als Noachs Gesichtszüge immer weicher wurden, erstarb jäh der einigermaßen schlüpfrige Blick in Thalias Gesicht. Sie sah ihm in die Augen, und drehte bedächtig ihr Gesicht so, dass sie nun seine Hand auf ihrer Schulter fixieren konnte. Noach verstand. Er zog seine Hand zurück und setzte sich hin. Sein Stolz zwang ihn jedoch, ihr weiterhin in die Augen zu schauen. Doch da drehte Thalia ihren Kopf, um auf die Wand zu blicken. Ihr Vorgesetzter schaute ebenfalls hin. Die Projektion zeigte soeben eine Teilkarte von Jerusalem Nord mit einem blinkenden grünen Punkt in der Nähe eines roten, zentralen Vierecks. „Na, da kommt sie schon“, sagte Thalia und verschwand aus dem Zimmer. Er sah ihr nach, zuckte zusammen, als die Tür laut ins Schloss fiel. Dann schaute er wieder hoch. Er beobachtete, wie der grüne Punkt sich mit dem roten Viereck zu verschmelzen begann. Kommandant Abutbul stand von seinem Bürosessel auf und ging ans Fenster. Er konnte gerade noch das kleine schillernde Auto durch das Tor einfahren, und dann zwischen verschiedenen Polizeifahrzeugen sich einreihen sehen.
Bis Kommissarin Zipori vom Parkplatz aus sein Büro erreichte, würden mindestens achtundzwanzig Sekunden vergehen. Auch wenn man ihre größere Beweglichkeit im Vergleich zu seiner Behäbigkeit mit ins Kalkül zog. Abutbul hatte also noch Zeit, sich auf ein Treffen mit der Frau vorzubereiten, einer Frau, die ihn eigentlich als Vorgesetzten respektieren, vielleicht sogar fürchten müsste, aber ... Ach, egal!
Er ließ seinen Blick noch kurz Richtung Jerusalemer Altstadt verweilen. Sein Gesicht regte sich kaum. Seine zu engen Spalten zusammengekniffenen Augen gaben keinerlei Gefühle preis. Sie schienen im Vergleich zu seinem aufgedunsenen Gesicht sowieso etwas klein zu sein. Er richtete sie auf den Punkt, an dem der erhabene Omar-Tempel, Haram-Esh-Sharif, stand. Weltweit bekannt als der Felsendom, der, allen Stürmen der Geschichte zum Trotz, zentraler Blickpunkt und Zierde der Stadt war.
Dort stand das berühmte Gebäude mit der goldenen Kuppel über einer Stelle, die für gleich drei Weltreligionen so wichtig war, genannt der „Nabel der Welt“. Der Fels, auf dem der erste Urvater Israels, Abraham, auf Geheiß Gottes beinahe seinen eigenen Sohn dem Allmächtigen geopfert hätte. Der Ort, wo Muhammad, der große Prophet, seine achte Vision hatte. Und nicht zuletzt der Platz im Tempelhof, wo Jesus seine Lehre vor wissensdurstiger Zuhörerschaft verbreitet hatte. Es war sowohl ein Geschenk der Geschichte als auch die Gnade des Schicksals, solch ein Vermächtnis beschützen und bewundern zu dürfen. In solchen Momenten fühlte sich der Stationskommandant wirklich stolz.
Es klopfte kurz an der Tür, und Nir Zipori kam in den Raum, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Herein!“, rief Noach, als sie schon vor ihm stand,. „Schalom la Balash.“.
Balash, das hebräische Wort für Detektiv, grammatikalisch in männlicher Form. Diese Spitze entging Nir natürlich nicht. Allerdings, das musste sie sich eingestehen, irgendwie schmeichelte es ihr. Sie blieb vor dem Schreibtisch stehen und schaute gelangweilt, fast desinteressiert auf die Projektionsfläche. Verschiedene Darstellungen wechselten: Unfallorte, von verschiedenen Überwachungskameras aufgenommen, verkehrsreiche Kreuzungen, Luftbilder verschiedener Orte in der Stadt. Und immer wieder der „lebendige“ Stadtplan mit beweglicher Darstellung aller Fahrzeuge im Radius von sieben bis zehn Kilometern.
Seltsam, dachte sich der Kommandant, diese Frau ist wie für ihren Beruf geboren. Aber trotzdem passt sie so gar nicht hierher. Sie interessiert sich mehr für das Kulturelle als für die Verbrecherjagd. Und sie sieht kaum aus wie eine kompromisslose Vertreterin des Gesetzes. Als Wie eine beliebte Sängerin im abendlichen Fernsehprogramm, als wie eine Schauspielerin vielleicht. Er kam ins Schwärmen ... Ach, man müsste noch mal jung sein! Noach schielte zwischenzeitlich auch zur Projektion, dann aber stierte er Nir an. Sie tat einen Moment lang so, als würde sie nichts bemerken.
„O.Kk., hast du genug gesehen?“, fragte sie plötzlich unvermittelt.
„Eh, ich bin nicht mehr ganz dabei … bin irgendwie schon in Italien ...“, eEr grinste. Abutbul ging zum Schreibtisch und nahm ein Blatt Papier. Er bemerkte ein Tomatenstück, welches durch seinen letzten Hustenanfall auf dem Bogen gelandet war, und schüttelte es ab. Dann reichte er es Nir, die es mit gespieltem Ekel zwischen spitzen Daumen und Zeigefinger entgegennahm.
„Bitte unterschreib den Wisch“, sagte er.
„Und das da, ist das deine Unterschrift?“, sSie blickte abwechselnd zu dem orange-roten Fleck und dann zu ihm.
„Ist schon gut, Nir, du hast es mir zurückgegeben. Aber jetzt haben wir zu arbeiten.“
Nir überflog die wenigen Zeilen und schaute ihren Vorgesetzten fragend an.
„Geht es wieder um eine erstochene Araberin in einem Jerusalemer Frauenhaus, und die Familie weiß von nichts? Oder hat ein Rabbiner einem seiner jüngeren Schüler in der Thoraschule Bonbons angeboten?“
„Nein, Nir“, Noach wand sich ein bisschen, „scheint diesmal ziemlich heikel zu sein … eine Affaire sensible, wie es die Franzosen nennen würden. Die Sache kommt aus Ramallah. Von den Palästinensern.“
„Noach, ich kenne mein Land!“ Nir wurde ungeduldig.
„Du weißt schon, immer wieder dieser ganze Shit!“, begann Noach wie gewohnt zu rezitieren. „Laut den Verträgen sind die einzelnen Polizeireviere angehalten, bei bestimmten Aufgaben zu kooperieren. Und zwar besonders dann ...“
Nir setzte an dieser Stelle spöttisch, wie bei einem Chor, mit ein. So, dass sie nun zusammen deklamierten,: „... wenn Opfer oder Täter, Tatort oder die offensichtlichen Hintergründe des Falls eine Verknüpfung zwischen zwei oder mehr Distrikten vermuten lässt lassen.“
Abutbul hüstelte verlegen. Er versuchte nun, die „Übergabe“ zu beenden.
„Alles, was wir haben, ist auf diesem Chip.“, eEr reichte ihr das winzige Teil aus Plastik. „Und ich sage dir gleich, es ist ein bisschen weniger als gar nichts!“
„Thalia meint, es gibt einen Zusammenhang mit dem Gesteinigten von Hebron.“, Nir schien weniger zu fragen, als laut zu denken.
„Ach, schon wieder diese Thalia!“ Abutbul ärgerte sich, er stampfte nervös kreuz und quer durch den Raum. Dann setzte er sich schwerfällig wieder hin.
„Die hat ihre Augen und Ohren überall, diese, diese ... halbe Portion!“
„Ist das nicht in gewisser Weise ihr Job, mein lieber Kommandant?“, fragte Nir in leicht verächtlichem Ton. „Sie ist doch eine Polizistin der Operationszentrale. Und etwas mitdenken sollen wir doch alle, sagst du immer, sogar wir Frauen. Also, was regst du dich auf!“
Er zwang sich zur Ruhe, faltete die Hände auf seinem gewölbten Bauch und lächelte,. „iIn Ordnung, du hast ja wie immer recht! Also, rufst du mal in Ramallah an?“
„Schwayya, schwayya, nur mal langsam“, rutschte es Nir auf Arabisch raus. „Ich denke, ich schau mir das Ding zuerst mal an“, sagte sie, auf den Chip deutend,
„kommst du mit?“
Noach erhob sich bedächtig und ging mit Nir durch eine Seitentür in einen Nebenraum. Hier war alles zusammengetragen worden, was in der Kommunikationstechnologie neu und teuer war. Außer zwei weiteren Polizisten, die augenscheinlich schon vorher herbeizitiert wurden und nun schwatzend warteten, war noch ein weiterer Beamter im Raum. Hier, im „technischen Gehirn“ dieser Behörde, regierte nämlich Najib. Vor einem großen flachen Bildschirm saß er, ein junger Polizist, in seiner Uniform ganz und gar Beamter. Ohne sie wäre er ohne weiteres als ein junger zottliger, poppig bunt gekleideter Gymnasialschüler durchgegangen. Seine blonden Haarlocken und hellblauen Augen zeichneten sich auf seiner olivbraunen Haut auffallend ab. Großgewachsen, wie er war, musste er seine langen Beine umständlich unter dem Tisch strecken und seinen Kopf tief hinunter zum Bildschirm neigen.
Er war gerade dabei, Satellitenbilder nachzuschärfen und auszuwerten, als Nir und ihr Vorgesetzter hereinkamen.
„Guten Morgen, Najib, du darfst endlich mal was Vernünftiges tun”, sagte Abutbul und lachte dabei, „bei uns Juden wird jetzt richtig gearbeitet.”
Sein Witz kam nicht an, sein Lachen erstarb. Darüber hinaus war ihm schon klar, was für einen fähigen Kriminaltechniker er bei sich hatte. Einen brillanten Laboranten und Computerfachmann in einem. Da war es ihm auch fast egal, dass Najib Palästinenser war. Ein Mitarbeiter aus den „Gebieten“. Jenen Gegenden, die früher je nach politischer Einstellung, „befreit“ oder „erobert“ und „besetzt“ genannt wurden oder „Jehuda und Shomron“, beziehungsweise schlicht „Gada“,: Westbank. Natürlich gab es auch andere Kriminologen im Haus, gute Chemiker und Ballistiker. Aber Najib war schon etwas Besonderes. Ganz außerordentlich schätzte man ihn jedoch für seine Fähigkeit, in einem gesetzlichen Graubereich Spitzenleistungen zu bringen. Najib war ein Meister auf dem Gebiet der Computermanipulation und des „Hackens“. Also darin, in scheinbar vollkommen geschützte fremde Rechner einzudringen. Darin war er ein Virtuose oder einfach „der Zauberer“, wie er auch genannt wurde.
„Sabah il cheer, guten Morgen, Najib“, sagte Nir, „Asfa, lass dich nicht ärgern … was machst du gerade?“ Sie zeigte auf den Monitor.
„Kullu tamam“, antwortete Najib, „alles in Ordnung, ahlan wa sahlan, Nir.“
„Und, was Neues?“
Nir, Thalia und andere anwesende Beamte platzierten sich hinter Najib und schauten zu. Auch Noach Abutbul stellte sich dazu und wartete.
„Was ich gerade mache?“, Eerwiderte Najib, „ach Gott, Routine. Will das überhaupt jemand sehen? Also, im Moment werte ich da ein paar Aufnahmen aus. Diese werden dann, wie die Regel es verlangt, für achtundvierzig Stunden zwischengespeichert ... na ja, das Übliche.“
Najib zeigte auf die verschiedenen Bildschirme, die den gesamten Raum und alle Anwesenden in ein unwirkliches, etwas geisterhaftes Licht tauchten.
„Also, hier zum Beispiel: Da gab es einen Verkehrsunfall ... an und für sich nichts Erwähnenswertes ... auf der kleinen Straße zum Kloster Ain Fara in der Wüste, etwa zwölf bis dreizehn Kilometer Luftlinie von hier“, begann Najib zu erläutern. „Dabei wurde heute in aller Herrgottsfrühe ein Motorradfahrer von einem entgegenkommenden Autofahrer zum Ausweichen gezwungen. Das Motorrad stürzte, der Fahrer, der allein unterwegs war, erlitt nur leichte Verletzungen, aber der Schaden ist beträchtlich. Der Wagen fuhr viel zu schnell und ohne Licht. Er verschwand über diese kleine Piste, weg vom Kloster. Nach Aussage des Motorradfahrers, ohne die Geschwindigkeit zu drosseln, geschweige denn anzuhalten, um eventuell zu helfen. Der Biker erinnert sich nur an die wahrscheinlich schwarze Farbe des Autos und dass die Haube des Kofferraumes eine andere Farbe hatte. Welche, konnte er nicht mit Gewissheit sagen. Zumal bei der Dunkelheit.“
„Haben wir nichts Wichtigeres, um uns die Zeit totzuschlagen?“ Noach Abutbul war genervt. „Es gibt keine Beweise. Wenn ich richtig verstehe, sogar dann, wenn wir den Wagen finden. Keine Lackschäden am PKW, keinen Beifahrer, keine Zeugen“, sagte der Stationskommandant. „Also bleibt er auf seinem Schaden sitzen, und wir können die Sache vergessen, richtig?“
„Wir haben zwar keine Zeugen“, erwiderte Najib, dessen Berufsstolz geweckt war, triumphierend, „aber wir haben Zeugnisse!“ Er zoomte in ein Satellitenbild, das mehr war als nur ein Standfoto. Es war eine einwandfrei bewegte Filmaufnahme bei Nacht. Die wilde, karge Landschaft der Wüste von Judäa war gut zu erkennen, wenn auch in den etwas verfälschten Farben einer neuen Art von Nachtsichtkamera. Die Serpentinen der kleinen Straße, die zum Kloster führte, sowie die wenigen Bäumchen und Sträucher, die in der Nähe des Gebäudes wuchsen, waren gut auszumachen. Allerdings in Farben, welche an ehemalige Negative von Farbaufnahmen in Zeiten der Analogfotografie erinnerten. Najib stellte verschiedene Regler ein, und nun stellten sich die Farben fast so natürlich dar wie bei einer Tageslichtaufnahme. Als der Ausschnitt ausreichend stark vergrößert war, konnte man den Ablauf des Unfalls genau beobachten. So, als wäre das Geschehen aus dem Helikopter eines Filmstudios gefilmt worden.
„Aua!“, rief Noach, als der Moment des Sturzes zu sehen war.
„Zoom noch näher ran, bitte, vielleicht können wir mehr erkennen“, sagte Nir.
„Yimkin, vielleicht“, meinte Najib, um dann enttäuscht festzustellen,: „kKein Nummernschild zu sehen! Aber der Kofferraum ist hellblau und ... mit verschiedenen Aufklebern. Das Auto könnte ein BMW sein.“.
„Noch mal, Najib, die letzten drei Sekunden.“
Najib ließ das dokumentierte Geschehen wiederholt über den Schirm laufen. Immer wieder schleuderte das Motorrad, neigte sich mehr und mehr und überschlug sich schließlich. Der Biker indes machte einen großen Salto in der Luft, landete dann unsanft im Straßengraben, stand aber sofort wieder auf. Einen kurzen Augenblick nach dem Sturz des Motorradfahrers schien auch der Wagenlenker die Kontrolle über sein Fahrzeug zu verlieren. Um dann, im letzten Moment, die Kurve doch nicht zu verfehlen. Najib bewegte einen Steuerungshebel, und der gesamte Ablauf war nun wie eine sich bewegende technische Zeichnung aus verschiedenen Winkeln zu erkennen.
„Irgendwann einmal läuft auch er an die Wand“, meinte Nir lakonisch, „bei Gelegenheit kümmere ich mich darum. Aber das ist im Moment tatsächlich nicht wichtig, wie schon der Chef sagte.“ Sie lächelte Noach Abutbul kurz an. „Jetzt aber zu ganz was anderem, Najib. Der Kommandant will, dass ich mich um diese Sache kümmere.“ Sie sprach von ihrem Vorgesetzten, als wäre er gar nicht anwesend. „Was können wir damit anfangen?“ Sie reichte ihm den Plastikchip, „das ist vorhin aus Ramallah reingekommen“.“
„Ach du Scheiße, diese Sache! Das habe ich mir schon angesehen!“,
Najib konnte es einfach nicht fassen. Diese Unterlagen, die bei ihm vor kurzem per Kabel aus Ramallah ankamen angekommen waren und die er selbst auf den Chip heruntergeladen hatte ... Er hatte die Bilder völlig vergessen, verdrängt.
Der Techniker legte das „Plastik“ in ein Lesegerät. Auf dem Bildschirm erschienen augenblicklich eine Reihe Miniaturansichten von Fotos. Er griff nach der Computermaus, tippte verschiedentlich auf seiner Tastatur, und die Aufnahmen fingen an, als „Diashow“ auf der Screen zu laufen.
Das erste Bild zeigte nur einen kargen, wenn auch wunderschönen Landstrich einer wüstenähnlichen Region. Sehr helle Konturen wechselten mit noch recht dunklen Schatten, wie auf Landschaftsfotografien so oft, wenn sie sehr früh am Tage, kurz nach Sonnenaufgang aufgenommen werden.
„Das ist der obere Teil von Wadi Qelt“, freute sich einer der Polizisten. „Bin schon tausendmal dort spazieren gewesen.“
Auf dem zweiten Bild war ein Canyon zu erkennen, felsig und bizarr.
„Irgendwie kommt mir das auch bekannt vor.“, Nir legte ihren Kopf zur Seite. Najib stimmte ihr zu. „Sage ich doch, Wadi Qelt“, wiederholte der zweite Beamte und kratzte sich am Kopf, „da habe ich schon so manches Schäferstündchen verbracht.“ Ein amüsiertes Gekicher machte sich breit. „In der Nacht hat man da die absolute Ruhe, kein Mensch weit und breit! Aber ab vier Uhr in der Frühe muss man sich wieder die Hosen ...“, eEr kicherte. „Da kommen schon die ersten Wanderer, Schulklassen, Touristen, Naturfreunde, die ganze Mischpoke!“
Beim dritten Bild war ein Teilstück des Wadis klar zu erkennen.
„Oh, erinnert mich an meinen letzten Schulausflug vor dem Abitur.“, Noach Abutbul freute sich über die gelockerte Atmosphäre.
„Mich auch! Das ist dieser Wadi, der später bei Jericho rauskommt“, ergänzte lakonisch ein anderer Polizist. „und keine achthundert Meter Luftlinie entfernt ist die Stelle, an der sich der Unfall mit dem Motorrad ereignet hat. Was für ein Zufall.“
„Mach mal weiter, Najib“, drängte Nir, auch Abutbuls Interesse schien plötzlich geweckt.
Auf dem Schirm erschienen verschiedene Gruppenbilder der ausländischen Touristen. Alle in Wanderausstattung und hohen Stiefeln, mit Wasserflaschen am Gürtel und verschiedenen Kameras ausgerüstet. Lächelnd und winkend zogen sie marschierend vorbei. Wie bei vielen Digitalkameras üblich, waren das Datum und die Uhrzeit der Aufnahme eingeblendet. Dann folgten jäh ganz andere Einstellungen. Die gelassene Freude im Ausdruck der Abgebildeten war wie ausgeknipst. Ihre Gesichter drückten alles andere als Ferienstimmung aus. Sie sahen verstört, zum Teil schockiert aus. Ein paar dieser Menschen schienen zu weinen. Im Hintergrund sah man, wie einige von ihnen hin und her rannten, sie erschienen durch die Bewegung auf den Standfotos verwischt. Andere waren mit ihren Handys beschäftigt. Zwei stützten eine Frau, wie bei einer Beerdigung.
Nir lehnte sich nach vorne, beugte sich zum Monitor und schaute konzentriert hin,. „Weiter ...“, sagte sie, „und weiter ...“
Sie zeigte mit dem Finger auf die Tastatur,: „gGehe auch mal mit dem Satelliten ran ...“
Das Bild flackerte, dann sah man die „Jetztzeit-Darstellung“ aus dem All: einen liegendern Körper und verschiedene Uniformierte, die sich gemächlich um ihn herumbewegten. Keine Zivilisten. „Oh Gott!“, murmelte sie leise. Ihre Gesichtszüge wurden hart. Ihr Blick bekam jenen professionellen Ausdruck, der eigentlich nur der Versuch war, das Gesehene irgendwie zu ertragen. „Oh nein ... mein Gott!“
Das, was die Ermittlungsbeamtin als virtuelles Jetztzeit-Abbild sah, in vollen Farben und grausamer Realität, erinnerte sie an Darstellungen, welche für sie sonst nur als unwirkliche Vorgeschichte, vielleicht im Bibelunterricht, vorstellbar waren. Im schlimmsten Fall als Filmdokumentation aus einem entfernten Land mit sehr primitiven Gesellschaftsformen. Mit uralten, religiös motivierten, äußerst brutalen Bestrafungsritualen.
Aber diese Bilder, sowohl die Standfotos, wie auch die aktuelle Satellitenaufnahme, waren ganz und gar real. Sie zeigten unwiderlegbar eine faktische Szene,: ein Verbrechen. Die Standfotos waren heute früh entstanden. Genau zu jener Zeit, als sie sich unter Olivenbäumen an der Schönheit Jerusalems und der Ruhe des Gethsemane-Gartens erfreute. Die bewegten Aufnahmen des Satelliten hingegen, diese waren soeben entstanden. Sie waren brandaktuell. Die kurzen Texte, die mit eingeblendet waren, nannten auch den Namen des Opfers, die vermutete Tatzeit und andere, weniger appetitliche Details. Ein Zusammenhang zwischen dieser Sache und der Geschichte mit dem Motorradunfall war eher unwahrscheinlich. Nir beschloss trotzdem, auch diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
„Wer hat das Dokument gezeichnet?“, fragte Nir leise, eher sich selbst.
Sie nahm das Papier zur Hand, es war eine Art Faxausdruck. Sie warf einen Blick darauf. Diensthabender Ermittlungsbeamter Hafez Chalil, Distrikt Samaria, Hauptkommissariat Ramallah.
Hatte sie schon mal mit jenem Beamten, Hafez Chalil, zu tun? Sie versuchte, sich zu erinnern. Sie konnte diesen Namen nirgendwo einordnen. Ein männlicher Name. Jeder wusste, dass sie nicht darauf erpicht war, mit männlichen Kollegen zusammenzuarbeiten. Wie war dieser Mensch, mit dem sie höchstwahrscheinlich die nächsten Tage würde kooperieren müssen?
Zu dem Namen Hafez fiel ihr nur ganz spontan der persische Mystiker und Poet aus dem vierzehnten Jahrhundert ein. Und Chalil, was fiel ihr dazu ein? Nun, diesen Namen trug der große Sultan Al-Malik, oder hieß er Al-Ashraf? Jener Sultan, der die letzten Kreuzfahrer aus Palästina besiegte und hinauswarf.
Nun war Chalil oder El-chalil auch der arabische Name von Hebron. Das gefiel ihr schon besser.
Am liebsten mochte sie jedoch die hebräische Interpretation. Denn auf Hebräisch war Chalil ein Musikinstrument, eine Flöte.
„Wie sieht’s es aus?“, fragte Noach Abutbul, dem es sichtlich nicht passte, dass noch eine größere Ermittlung so kurz vor seiner Italienreise ins Haus flatterte.
Er erinnerte sich wieder an die Episode mit dem „Fall von Hebron“. Eine Geschichte, die ihm womöglich viel Arbeit beschert hätte. Wenn man ihn nicht „ganz von oben zurückgepfiffen“ hätte. Er stand ziemlich verunsichert herum, unschlüssig, ob er noch seine gesamte Autorität und umfangreiche Aktivitäten entfalten sollte. Oder gab es doch einen Weg, sich der Verantwortung zu entledigen?
Ein betretenes Schweigen. Die Bilder hatten alle schockiert. Mord und Totschlag gehörten natürlich auch zu ihrem „Täglich Brot“. Es war bei diesem Job nicht zu vermeiden. Und ebenso gehörte dazu, sich mit der Tatsache zu konfrontieren, dass ein jahrhundertealter Traum des jüdischen Volkes sich auch in dieser Hinsicht realisiert hatte. Der Wunsch, ein Volk zu sein, wie alle anderen Völker auch. Nicht nur eine gesellschaftliche Schicht von Wissenschaftlern und Kulturträgern. Er beinhaltete eben auch, mit den eigenen Kriminellen und Verbrechern leben zu müssen.
Aber das hier hatte eine Grenze überschritten.
Ohne, dass jemand ihr Eintreten bemerkt hätte, stand plötzlich Thalia Zucker im Raum. Sie war eigentlich eine blonde, „graue Büromaus“. Doch von den dDutzenden Mitarbeitern im großen Gebäude schmunzelnd geneckt und wie ein Maskottchen heimlich geliebt. Und sie hatte ein kleines Päckchen in der Hand. Abutbul formulierte schon eine Zurechtweisung. Er bemerkte jedoch die Art und Weise, wie sie mit Nir Blicke tauschte, und entschied sich, abzuwarten.
„Soll ich mit Graphikrastern anfangen?“, fragte der „Zauberer“. Das Computerprogramm, welches bestimmte, vorgemerkte Bildelemente verglich und filterte, war eines seiner Spezialitäten.
Niemand antwortete. Überhaupt redete keiner der Anwesenden. Es musste sich schon jetzt manches von dem, was vorgefallen war, wie Brandgeruch im Haus verteilt haben. Immer mehr Mitarbeiter steckten ihren Kopf in den Raum, drückten sich an die Wände. Dann aber, nachdem sie sich kurz umgeschaut hatte, wendete sich Thalia nochmals an Nir.
„Ist schon, wie ich sagte, was? Wieder so was Ekelhaftes.“
„Schlimmer, viel schlimmer!“, Fflüsterte die Kommissarin,. „wWenn wir das nicht sehr schnell stoppen, bekommen wir noch chaotische Zustände. Wie in den schlimmsten Zeiten der Intifada, ders Aufstands der Palästinenser am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Vielleicht sogar das, was man ethnische Unruhen nennt.“
„Oder wie damals, als Jugoslawien auseinanderfiel?“ Ein anderer Polizist mischte sich ein. „Das war etwa 1992. Danach gab es sogar Kriege zwischen den Serben, Kroaten, Kosovaren, Albanern und was weiß ich, mit wem noch!“
„Dann ist es bald wieder vorbei mit der Verbrüderung von Juden und Palästinensern.“
„Dann haben wir keinen Aufstand, wie damals bei der Intifada, sondern einen ausgewachsenen Bürgerkrieg!“
„Gar nicht auszudenken!“
Zu diesem Zeitpunkt wusste Nir natürlich nicht, dass es sogar noch sehr viel schlimmer kommen konnte, niemand konnte es wissen. Hinter diesen Vorfällen steckte ein perfider, ein teuflischer Plan.
Sie versuchte, die Anwesenden mit beschwörender Gestik zu beruhigen. „Hey, Leute, im Moment wissen wir so gut wie nichts! Bis jetzt haben wir fiese Bilder, ungute Gefühle und bizarre Vermutungen. Das ist noch nicht genug, um in Panik zu geraten, Oo.Kk.?“ Sie schaute sich um und sie wusste, dass ein schnelles Handeln mehr als überfällig war.
Wenn überhaupt noch möglich.
Hier hatte ein Mörder, oder vielleicht waren es mehrere Killer, wer weiß ... Hier hatte jemand zum zweiten Mal in kürzester Zeit eine muslimische, öffentliche Persönlichkeit auf seinem oder ihrem Gewissen. Warum hatte Stationskommandant Noach Abutbul die Sache nicht selbst in die Hand genommen? Warum er nicht sofort auf die Idee kam gekommen war, die Informationen weiter „nach oben“ zu reichen, das konnte sie sich nicht erklären.
Auch war unklar, warum nicht sofort eine Sonderkommission aufgestellt wurde.
Aber zu dem Gefühl der Verworrenheit, des aAngewidert seins ... und der Klarheit über die Sprengkraft, welche in dieser Sache steckte, kam noch eine weitere Regung dahinzu. Die belebende Aufregung, dieser „Kick“, wenn eine neue Herausforderung ins Haus stand.
Ein Gefühl des Ärmelhochkrempelns.
Sie holte tief Luft. „Thalia, verbinde mich mit Ramallah!“ Nir begann zu kommandieren. Wie in einem Fantasy-Film, wenn dem Mann an den Steuerhebeln des Raumschiffs die Anweisung erteilt wird, auf einem feindlichen Himmelskörper zu landen. „Mal hören, was dieser Chalil zu berichten weiß.“
Doch Thalia rührte sich nicht, sie sah etwas enttäuscht aus. Wortlos überreichte sie Nir ein kleines, mit buntem Papier eingeschlagenes Päckchen und schaute mit leerem Blick auf den Boden. So hatte sie sich die Übergabe von Abdel-Qadirs Buch an Nir eigentlich nicht vorgestellt. Aber jetzt war keine Zeit für Emotionen. Sie schlich aus dem Raum.
Kurz danach rief sie jedoch Nir zu sich rüber. „Ich habe ihn an der Strippe, diesen Chalil. Er wartet!“
Kommissarin Zipori streifte die Anwesenden mit einem Feldherrenblick. „Im Moment mache ich auf solo. Jeder kann wieder zu seinem Aschenbecher und seiner Kaffeetasse zurück.“ Sie dachte kurz nach,. „Wenn ich einen Hauch von Eetwas habe, dann trommele ich.“
Sie ging in den Kommunikationsraum. Thalia Zucker, das Ohr, manche lästerten die Posaune der Wache, deutete auf einen daneben liegenden Telefonhörer. Nir griff danach, hielt ihn sich ans Ohr, aber legte eine Hand über die Sprechmuschel,. „Besorg’ mir bitte auch die Daten von dems Motorradfahrers, Najib weiß Bescheid.“ Dann hielt sSie hielt kurz inne,. „Und, Thalia, danke für das Buch, du bist wirklich ein Herz!“
Thalia grübelte: Sollte sie jetzt eingeschnappt sein, oder war es ein Anlass, zu jubilieren?
„Zipori!“, meldete sich Nir. „... Ja, habe ich bekommen ... Angesehen? Natürlich habe ich … gar nicht lustig!“
„Ja, ich selbst habe sie mir angesehen … Nein, ich bin keine Sekretärin hier ... Richtig, keine Bürokraft.
Natürlich, ich … Kommissarin Zipori ...
Korrekt, das ist jetzt mein Fall. Ich werde hier die Untersuchungen ... schon verstanden, ich habe den Fall eben übertragen bekommen. Ja, ich ... ist etwas nicht in Ordnung?
Ah, Oo.Kk., dann ist ja gut ...
Was ich davon halte? Im Moment noch gar nichts. Ich fürchte, ich muss die Sache in Augenschein nehmen. Vor Ort ...
Warum ‚fürchte’? Nun, ich kann mir Schöneres vorstellen ...
Wie bitte? Nein, ich war schon lange nicht mehr in dieser Gegend, kennst du dich da aus?
Bitte? Ah ja, das passt mir. Wir treffen uns sozusagen auf halbenm Weg und schauen uns das mal an. Verstehe, dein Jagdrevier. Du kennst dich da sowieso besser aus, Samaria ist ja euer Distrikt.“
Sie fühlte sich angespannt und flatterig wie ein Rennpferd vor dem Startschuss.
„Klar, ich mache mich gleich auf den Weg. Aber wir müssen uns ja irgendwo treffen, um dann zum Wadi Qelt hinunter zu steigen ... Wenn ich dich richtig verstehe, kann man da kaum mit dem Wagen ...
Also, was schlägst du vor? Schlag du doch einen Treffpunkt vor.“
Thalia schaltete mit einem Knopfdruck den Lautsprecher der Freisprechanlage an ein. Jetzt konnte auch sie die Stimme des Gesprächspartners hören.
„Der Weg führt an der Mahnstätte vorbei, und von dort geht’s gleich zum Kloster Ain Fara ...“
Nir unterbrach ihn,: „Gleich dorthin, das ist klar, aber wir können ab „,Berlin“’ zusammen fahren, mein Wagen packt die Schotterwege sowieso nicht!“
„Berlin?“
Sie machte einen erstaunten Gesichtsausdruck, was gab es da zu begreifen?
„Ach so, „,Berlin“’ sagen wir hier in Jerusalem zu diesem neuen Mahnmal. Du meinst wahrscheinlich dasselbe. Den Rest von dem alten unseligen Schutzwall, den sie als Erinnerung haben stehen lassen. In Europa gibt es auch so was, in der Hauptstadt von Deutschland.“
„Na ja, von wegen Schutzwall ...“, eEr betonte mit leicht ironischem Unterton das Wort Schutz. „Na gut, lassen wir das ... in meinen Augen sieht das Ding zwar mehr wie ein Kriegerdenkmal aus, aber die Menschen brauchen allem Anschein nach solche Symbole, oder?“
„Stimmt, aber jetzt haben wir keine Zeit für Kulturelles“, erwiderte Nir, „ich bin in etwa einer halben Stunde dort!“
„Dann werde ich warten“, hörte sie die auffallend sanfte Stimme des Untersuchungsbeamten von Ramallah,. „Ma assalaama, auf Wiedersehen!“
3.
Nördlich von Jerusalem führte die Autobahn nach Ramallah. Nach ein paar Minuten Fahrt Richtung Norden bog die Straße in einer Abzweigung Richtung Osten zum Jordantal ab, um vorbei an Jericho, der ältesten Stadt der Welt, bis nach Amman, der Hauptstadt Jordaniens, zu führen.
Auf halbem Weg zum Kloster Ain Fara, dem Ort, den Nir noch vor wenigen Augenblicken als Satellitenbild gesehen hatte, befand sich eine der neuesten Sehenswürdigkeiten Israel-Palästinas. Eine Touristenattraktion, die weder eine religiös-biblische Aura ausstrahlte, noch eine besondere architektonische oder natürliche Schönheit aufwies. Dennoch ließ es sich kaum ein Gast im Heiligen Land nehmen, diesen Ort zu besuchen, neuerdings sozusagen ein „Muss“ in der Auflistung der touristischen Highlights, die Nahost-Besucher zu absolvieren hatten. Ein Höhepunkt, welcher gleich hinter dem Friedenspark rangierte.
Es war die neu gestaltete Gedenkstätte zur Erinnerung an den endlosen und überaus leidvollen Streit, der jenen Konflikt, der länger als fünf Generationen die Völker in Israel, Palästina und in anderen arabischen Staaten bis noch vor wenigen Jahren gequält hatte.
Hier hatte sich die Kommissarin mit dem palästinensischen Kollegen verabredet, um dann gemeinsam mit seinem Wagen zum nahegelegenen Canyon Wadi Qelt in der Judäischen Wüste zu fahren.
Das Mahnmal war nichts als eine glatte, graue Betonmauer. Sie war etwa so hoch wie ein dreistöckiges Haus und bestand aus einzelnen Segmenten. Die Teilstücke waren nebeneinander gesetzt und in der Erde verankert. Dieser Wall von etwa siebzig Metern Länge stand auf einem kleinen Hügel. An ihrem Anfang und ihrem Ende war die Mauer durch willkürliches Abbrechen der oberen Ecken und an den Kanten etwas abgetragen worden, um darzustellen, dass sie ursprünglich nicht nur siebzig Meter lang war, sondern über zehntausendMmal ausgedehnter. Dadurch erreichte sie dort nur noch etwa die Höhe der Zypressen, die, rechts und links von ihr, ihren früheren Verlauf symbolisierten.
Die besondere Wirkung dieses Mahnmals ergab sich dadurch, dass jeder interessierte Mensch um ihre frühere Länge und Funktion wusste ...
Sie war der Rest einer enormen Sperranlage. Ein Überbleibsel, das man stehen gelassen hatte, um zu erinnern und um zu mahnen.
Neben der Mauer stand ein Fahnenmast, der auf einer Höhe von etwa zwei Metern mit Metalldornen bespickt war. Ganz oben wehte die neue weiße Fahne mit dem blauen Davidstern und dem grünen Halbmond. Die Dornen sollten eifrige Sammler unter den Touristen oder die Übereifrigen, Unbelehrbaren und eEwigGgestrigen unter den heimischen Bürgern abschrecken ...
Nir bog mit ihrem bunten Auto in den großen Parkplatz neben dem Mahnmal „Berlin“ ein, wie sie es nannte, ein. Sie stellte ihren Wagen unter dem Schatten eines der vielen Ziermaulbeerbäume ab. Sie wollte eigentlich in ihrem Blümchenwagen warten, sich ihren Gedanken hingeben. Oder, wenn sie aufrichtig war, sich in Selbstmitleid ergehen. Ihr freier Vormittag an „ihrem Platz“ auf dem Ölberg war im Eimer. Jetzt saß sie mitten in der Pampa und wartete auf irgendeinen Typ der Polizei von Ramallah. Zu allem Überfluss ein ganz anderer Distrikt, also viel Schreibkram. Wahrscheinlich war er auch so ein hochnäsiger, eingebildeter Lackaffe, dem man zuerst die Flügel stutzen musste, damit eine Zusammenarbeit überhaupt erst möglich wurde.
Und dann würde auf jeden Fall ein Teil des Weges zu Fuß zu bewältigen sein, um sich schließlich eine furchtbar entstellte Leiche anzusehen. Schon die Bilder waren unerträglich ... hat er einen Teil dieser Fotos ... hatte dieser Polizist sie aufgenommen? Sie würde jetzt im Auto stur warten und die anschließende Fallaufnahme so kurz wie möglich gestalten.
Draußen, hinter ihrem Wagen, plätscherten ein Stimmengeraune und ein Sprachengewirr und rissen sie aus ihrem quälenden Grübeln. Noch ein Touristenbus hatte in der Zwischenzeit eingeparkt, so wie dDutzende täglich.
Der Mann aus Ramallah war noch nicht da, und im Auto wurde es stickig.
Als sie wahrnahm, dass eine neue Besuchergruppe auf das Mahnmal zuging, schloss sie sich den Gästen an, um sich ebenfalls die Erklärungen des Fremdenführers anzuhören.
Er war ein älterer Mann. Das Hinaufsteigen zum Monument auf dem Hügel gestaltete sich für ihn beschwerlich. Trotzdem bemühte er sich, die Begeisterung, die er angesichts dieses Ortes empfand, und sei es vielleicht auch nur aus professioneller Pflicht, irgendwie zu vermitteln. Die dreißig, vierzig Personen in der Gruppe unterhielten sich in verschiedenen Sprachen, die Nir nicht verstand. Sie zückten ihre Kameras und fotografierten sich gegenseitig vor der riesigen grauen Fläche. Sie hantierten mit kleinen Kopfhörern ihres kabellosen Übersetzungssystems, bis der Gruppenleiter zu sprechen begann.
„Ich bitte um etwas Ruhe!“
Die Menschen stellten sich in einem Halbkreis vor den Mann. Sie verabschiedeten sich von ihren Handys, rückten Hüte und Sonnenbrillen zurecht oder drehten an irgendwelchen Bedienungsknöpfen ihrer Digitalkameras herum.
Nir stellte sich unauffällig dazu. Sie fand eine Position, aus der sie sowohl gut zuhören, als auch den Parkplatz im Blick behalten konnte.
„Wir haben heute ein besonderes Privileg zu feiern“, begann der Fremdenführer. „Selten können Touristen an einem einzigen Tag, in einer einzigen Stadt, gleich zwei berühmte Mauern besuchen. Sogar in China gibt es nur eine und in Australien nur einen Zaun gegen wilde Hunde“.“
Nachdem das Gelächter verstummt war, sprach er weiter.: „Heute haben wir gleich zwei Klagemauern gesehen, und, Gott sei Dank, sind beide eher Mauern der Hoffnung geworden. Was Sie hier sehen, ist das mit Absicht stehen gelassene Reststück. Ein Überbleibsel der alten israelischen Sperranlagen zwischen dem damals so genannten Kernland Israels und den palästinensischen Gebieten im Westjordanland.
Der Bau wurde 2003 in der Amtszeit des damaligen Premierministers Ariel Scharon begonnen und etwa 2006 abgeschlossen. Es gab eine offizielle Erklärung, oder, wenn Sie so wollen, Rechtfertigung, für den Bau. Für die Errichtung eines Homeland-ähnlichen Gebietes für die Palästinenser. Die Notwendigkeit nämlich, Überfälle radikaler Muslime auf Juden in Israel wirksam zu verhindern. Es ging hauptsächlich um sogenannte Selbstmordattentäter. Aber auch um Feuerüberfälle auf Siedlungen oder vorbeifahrende Autos. Tatsächlich war der Terror, dem die jüdische Bevölkerung ausgesetzt war, mit der Zeit unerträglich geworden. Auch sprach man von Schutz gegen illegale Emigranten. Letzteres hätte manche europäische Politiker fast neidisch gemacht.“
„Und hat die Mauer etwas geholfen, gab es dann weniger Überfälle?“, fragte einer der Touristen auf Englisch. „Weltweit versuchen Staaten, sich mit Absperrungen, Zäunen und Gesetzen zu schützen“, fügte ein Zzweiter auf Holländisch hinzu, „aber der Krieg gegen den Terror führt doch nur zu mehr Unsicherheit und Bedrohungen!“
„Nun, die Israelis versuchten, mit Zahlen und Statistiken den Erfolg bei der Terrorismusbekämpfung zu belegen“, dozierte der alte Mann, ohne sich aus dem Konzept bringen zu lassen. „Was aber schwerwiegender war, diese gigantische FPhantasielosigkeit, die mehr als eine viertel Milliarde Dollar gekostet hatte, war den palästinensischen Bürgern gegenüber ungerecht. Auf gewisse Weise war diese Anlage ebenfalls eine Terrormaßnahme. Auch wenn die Israelis es so nicht sehen konnten. Und übrigens, juristisch und nach internationalem Recht völlig illegal.“
„Wenn ich nicht wüsste, dass Sie Jude sind, würde ich behaupten, dass hier ein antisemitischer Redner spricht, Mann!“, ereiferte sich der Englisch sprechende Tourist. „Man konnte es doch nicht hinnehmen, dass israelische Kinder und Jugendliche vor einer Diskothek oder in einer Eisdiele in die Luft gesprengt werden, oder?“
„Wir alle machen leider immer wieder denselben Fehler.“ Der Fremdenführer blieb gelassen. „Wir machen leider sehr oft den Fehler, zu glauben, dass unsere eigenen Antworten bei Konflikten nur gerechtfertigte Reaktionen sind. Dass die anderen die Aggressoren sind, die mit dem Terror anfangen, und wir nun mal keine andere Wahl haben, als dagegen zu kämpfen. Aber unsere Reaktionen sind letztendlich genauso eine Gewalt, die wiederum neue Aktionen auslöst. Und das Einsperren eines ganzen Volkes, die Enteignung seiner Böden und seiner wirtschaftlichen Ressourcen, das Beschießen mit Granaten und Raketen … all das ist auch Terror! Das ist der Terror der Starken, der Mächtigen und der Reichen. Und die terroristischen Aktionen, die wir so anprangern, weil unsere Gegner nicht nach unseren Spielregeln kämpfen, das ist dann der Krieg der Schwachen, der Armen ... derjenigen, die sich unterdrückt fühlen.“
Es entstand ein betretenes, nachdenkliches Schweigen. Man vernahm lediglich das zZwitschern einiger Singvögel in den Bäumen am Parkplatz.
„Warum war die Mauer so teuer?“, fragte ein anderer Zuhörer aus der Gruppe.
„Die Mauer ist nur ein Begriff. Eigentlich war sie eine riesige Sperranlage. Mit Metallzäunen, Stacheldraht, elektronischen Barrieren und Bewegungsmeldern. Ferner gehörten spezielle Verkehrswege und militärische Sperrstreifen dazu. Lange Verkehrsstrecken wurden als Umgehungsstraßen und durch eigens gegrabene Tunnel geführt. Alles in allem war die Mauer länger als siebenhundert Kilometer.“
„So wie damals zwischen dem kommunistischen Ostdeutschland und dem Westen?“
„Ja, in gewisser Weise schon. Nur dass niemand Angst hatte, die Israelis würden aus ihrem Land in die Wüste oder in die palästinensischen Gebiete flüchten.“
Die Menschen schmunzelten. Eine Frau streckte, wie eine Schülerin, ihre Hand hoch. „Hat nicht jedes Land das Recht, seine Grenze zu schützen und zu verteidigen?“
„Oh Ja, doch“, meinte der Gruppenleiter. „Aber der Wall befand sich zum größten Teil innerhalb palästinensischen Gebietes und schützte auch Siedlungen, die nicht zum jüdischen Kernland gehörten. Oft verlief er mitten durch arabische Ortschaften. Viele Bauern verloren ihre Anbaugebiete oder konnten nicht mehr zu ihren Feldern gelangen. Ihre Straßen und ihre Wasserversorgung wurden unterbrochen., Mmanchmal sogar Großfamilien auseinander gerissen ... vieles wurde willkürlich getrennt. Letztendlich entsprach die Mauer einer inoffiziellen Grenzziehung zur nachträglichen Legalisierung ungesetzlicher Siedlungen und illegaler Landnahme.“
Während er sprach, fühlte sich Nir um mehrere Jahre zurück versetzt. Sie erinnerte sich an die verschiedenen Beiträge in Presse und Fernsehen, an Filme und Artikel. Je nach Autor und politischem Hintergrund konnten sie so oder so ausfallen. Entweder waren sie kritisch reflektierend und wurden dann sofort als „links“, als „vaterlandverräterisch“, abgestempelt, oder, im umgekehrten Fall, als „menschenverachtend“ beziehungsweise „faschistisch“ diffamiert. Das Thema drohte die israelische Gesellschaft zumindest moralisch tief zu spalten.
Aber immer waren es sehr belastende Bilder, die mit solchen Sendungen oder Veröffentlichungen einhergingen. Bilder, die Fragen aufwarfen, Bilder, die Begriffe wie Unterdrückung oder Apartheid heraufbeschworen.
„Dann wurde also eine Art neuer Grenzverlauf geschaffen, ohne es mit den Arabern abzusprechen?“, fragte der Holländer.
„Ja, das kann man so sagen.“
„Und wo ist die ganze Anlage jetzt?“
„Sie wurde mit Hilfsgeldern der Europäischen Gemeinschaft wieder abgerissen.“
„Die entsprechenden Baufirmen haben also doppelt verdient“, spottete jemand aus der Menge.
„Aber die jüdischen Siedler durften trotzdem bleiben, oder?“, fragte ein anderer.
„Ja, aber die ursprünglichen Besitzer der Grundstücke wurden nachträglich fürstlich entschädigt. Sie wurden finanziell entschädigt, mit Geld und mit anderen Böden. Übrigens, auch zum Teil auch von der Europäischen Union und den USA bezahlt. Und außerdem, wie ihr wisst, haben wir jetzt, wie ihr wisst, endlich eine Verfassung. Diese beruht auf den Jerusalemer Abmachungen. Demnach genießt jeder Bürger, egal, ob Jude, Araber oder Christ, völlige Freiheit bei der Wahl seines Wohnortes und seines Arbeitsplatzes.“
„Na, ich würde aber als Jüdin lieber unter Juden leben!“, sagte eine ältere Frau.
„Genau deshalb wurden ja in dieser neu gegründeten Republik auch „Bundesländer“ oder „Distrikte“ geschaffen. Die Schweizer würden sie Kantone nennen. Aufgeteilt und geformt nach mehr oder weniger ethnischen und religiösen Gesichtspunkten.“
„Das klingt zwar ganz schön“, ein älterer Herr schüttelte zweifelnd seinen Kopf, „aber nach all den vielen Jahren der Streitigkeiten ... da muss man sich ja erst mal dran gewöhnen!“
„Ja, auch ich muss mich immer noch dran gewöhnen!“, sagte der freundlich lächelnde Touristenführer.
Es wurden noch weitere Fragen beantwortet und noch mehr Fragen gestellt. Doch Nir fing an, unruhig zu werden. Die Geschichte des israelisch-palästinensischen Konflikts war in diesem Land jedem, wirklich jedem, hinreichend bekannt. Sie wurde in Schulen gelehrt, in Büchern wie in Filmen bis hin zu wissenschaftlichen Abhandlungen ausgiebig behandelt. Vielen waren die der ewigen Wiederholungen überdrüssig geworden. Man war sich ganz allgemein einig, sowohl unter Juden als auch unter Arabern, dass jetzt die Zeit gekommen war, langsam wieder „normal“ zu werden.
Was Nir jetzt viel mehr beschäftigte, war ganz etwas anderes. Wo war der Polizist, mit dem sie hier verabredet war? Wo war jener Ermittlungsbeamte Hafez Chalil?
Er stand direkt hinter ihr.
Als sie sich abermals suchend umblickte, erblickte sie einen etwa fünfunddreißig- bis vierzigjährigen Mann, westlich leger angezogen, jedoch bedeckt mit dem traditionellen arabischen Kopftuch. Alles an ihm war anders, als sie es sich vorgestellt hatte.
Er trug nicht diese olivgrüne Uniform der palästinensischen Polizei, sondern graublaue Leinenhosen und ein cremefarbenes Baumwollhemd. Darüber eine Trekking-Jacke aus hellbraunem starkem Leinen. Ein Kleidungsstück, bei dem sich die Zweckmäßigkeit einer Windjacke für Fischer und Jäger mit der Eleganz eines Sakkos gut ergänzte. Seine Haare waren halb lang geschnitten. Nicht in diesem martialischen Borstenschnitt, der inzwischen bei den Männern wieder in Mode gekommen war. Und er trug, im Gegensatz zu fast allen arabischen Polizisten, keinen Schnurrbart.
Für einen Moment zweifelte sie, ob dieser Mann die Person sein konnte, mit der sie hier verabredet war.
Ganz in sich gekehrt stand er da, den Blick weit weg auf irgendeinen Punkt in der Landschaft geheftet. Nur seine Kefia, das Kopftuch, flatterte im Wind. Sie sah ihn im Profil. Seine Hände hatte er in die Hosentaschen gesteckt. So, wie er sein Gesicht in das Sonnenlicht und in den Wind hielt, sah er aus, als hätte er alle Zeit der Welt zur Verfügung.
Sie schaute ihn prüfend an, diesen Mann, der ab jetzt für eine Weile ihr Kollege sein würde. Sie versuchte ihn abzuschätzen.
Es war nicht abzustreiten, er war sah gut aussehend. Und zwar ohne diese „aufdringliche Attraktivität exotischer Herren“, wie sie es nannte.
Sie verabscheute nämlich dieses Stargehabe mancher orientalischen Männer, welches ihre Eigensinnigkeit, ihren übertriebenen Stolz und letztendlich ihre hoffnungslos konservative Einstellung gegenüber Frauen nur oberflächlich und kurz allzu durchsichtig kaschierte.
Sie ertappte sich selbst, einen Wimpernschlag länger als nötig geschaut zu haben.
„Is-salaamu aleikum”, sagte er, ohne sich umzudrehen.
„W‘aleikum as-salaam“, antwortete sie und fühlte sich wieder ertappt, „deine Kefia … weder rot und weiß, noch schwarz und weiß?“
Sie wusste, dass eine rot-weiße Kefia die Kopftuchbedeckung der Jordanier war, eine schwarz-weiße die der Palästinenser.
Er drehte sich um und schaute sie mit ernstem Gesicht an. Sie fand, er hatte sogar so etwas wie einen „unschuldigen“ Gesichtsausdruck, im besten Sinne des Wortes.
„Weiß. Beduine. Und ich, ich bin sowieso nur … ich bin Halbbeduine. Meine Mutter, sie war eine … eine Rrichtige. Aber das ist eine lange Geschichte“, sagte er mit einem zaghaften Lächeln.
Nir horchte auf,: hHatte sie da einen Anflug von Selbstverachtung herausgehört, kokettierte er mit einem Problem?
Er reichte ihr die Hand.
„Fahren wir?“, sagte Nir und war froh, wieder sachlich und aktiv werden zu können.
Sie gingen zum Parkplatz. Dort stand ein Toyota-Geländewagen, der zwar steinpistentauglich war, jedoch alles andere als einem Fahrzeug der Polizei ähnlich sah. Das Gefährt war zum Teil mit Lichterketten und lacküberzogenen, glänzenden Bildern bunt dekoriert. Und es hatte sicherlich schon bessere Zeiten gesehen. Nir betrachtete das Auto erstaunt, dann amüsiert. Hafez bemerkte es. Er wollte etwas sagen, besann sich aber und grinste nur. Er gab einen Zischlaut von sich, so als würde er einen kleinen Zuckerwürfel zwischen den Vorderzähnen halten und daran lutschen. Dabei neigte er seinen Kopf leicht zur Seite. Als er ihr auch noch die Autotür aufhielt, fühlte sich Nir mehr wie in einer Hollywoodschnulze denn im Dienst.
„Hast du auch deinen Picknickkorb dabei, Herr Kommissar?“, fragte sie schnippisch, als Hafez in die Straße einbog. Er deutete auf sein Handschuhfach, machte ihr ein Zeichen, es zu öffnen. Nach kurzem Zögern öffnete sie es.
Darin lag eine altmodische Digitalkamera, noch mit Glaslinse und Speicherkarte. Eines der Modelle, die man, wenn überhaupt, seinem Neffen zum Zerlegen schenkte. Außerdem eine Tüte mit gerösteten Kürbiskernen und zwei Bücher.
Eines der Bücher war ein Exemplar von „Agada“. Jenes Werk von Baruch Kaminski, dem ehemaligern Ministerpräsidenten von Israel. Derm Mann, der die Idee hatte, sich mit dem damaligen Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde, Jamal Rashmawi, zu treffen. Im Untertitel „zweiundsiebzig Stunden in Ramallah“ war schon der Inhalt zusammengefasst. Er beschrieb jenen politischen Coup, der eine über Jahrzehnte konfliktbeladene Region innerhalb weniger Tage befriedete. Der andere Wälzer war ein Nachschlagewerk. Ein Bestimmungsbuch mit dem Titel „Tier- und Pflanzenwelt des Mittelmeerraumes“.
„Ist das eure Standardausrüstung in Ramallah, Kollege?“, fragte sie und blätterte zwischen Eidechsen und Schlangen im Naturführer. „Keine Waffe, Handschellen, Fernglas?“
„Ach, weißt du, ich habe immer alles dabei“, meinte Hafez, „meine Augen, meine Ohren ... und den Wind gibt’s überall gratis dazu.“ Er lachte leise.
„Wind, was meinst du mit Wind?“, fragte sie und wurde sich plötzlich bewusst, dass die Autofenster herunter gedreht waren. Dass sie die warme Wüstenluft in ihren Haaren spüren, in ihren Ohren pfeifen hören konnte. Und auch, dass sie recht schnell jene Serpentinenstraße hinauf- und hinunter jagten, die sie erst vor kurzem auf einem bräunlich-ockerfarbenemn Satellitenbild gesehen hatte.
Sie stellte sich vor, wie sie jetzt, sitzend in einem Toyota, gefahren von einem halben Palästinenser, halben Beduinen, eventuell von demselben Satelliten gefilmt wurde. Ein Film mit einer präzisen, detailreichen Darstellung des Panoramas dieser Gegend, auf in dem ein Wagen, der zum Kloster Ain Fara eilt, gut zu erkennen ist.
Was sie nicht wusste Und in der Tat: Die hochauflösende Kamera aus dem All war tatsächlich wahrhaftig schon auf sie beide gerichtet. Sie nahm ihre Tour zum Kloster und zum Wadi Qelt auf. Und in irgendeinem Raum, von dem sie auch nichts ahnte, saß jemand, den sie nicht kannte, und beobachtete das Geschehen. Der Wagen von Hafez war gut zu erkennen, ein heller Punkt, der sich auf einenm grauschwarzen Streifen vorwärts bewegte.
Das musste die Straße sein, welche sie bei dem „Zauberer“ vor etwa einer Stunde aus der virtuellen Vogelperspektive gesehen hatte. Wenn man schon hier war, dachte sie sich, es würde ja nicht schaden ... sie würde sich den Anblick am Tatort sowieso nicht ersparen können, aber sie könnte es ihn etwas ein wenig aufschieben ...
„Würde es dir etwas ausmachen, gleich mal kurz stehen zu bleiben?“, fragte Nir. „Ich sag’s dir, wenn wir an einer bestimmten Stelle vorbeikommen“.“ Der Fahrer nickte. Seinen Blick konzentriert, seinen Gesichtsausdruck ruhig und gelassen, steuerte er den alten Geländewagen.
Wenig später fuhren sie an einem großen Stein vorbei. Einem Fels, der in einer Kurve in die Straße hineinragte. Sie bat ihn, anzuhalten.
„Wenn der Fels dort eine frische Bruchstelle aufweist ...“, Hafez schaute sie erstaunt von der Seite an., Nir zeigte weiter nach vorne auf die andere Straßenseite, „... dann bin ich in einem anderen Fall möglicherweise ein Stück weiter. Und vielleicht auch in unserer Sache.“
Denn ein eventueller Zusammenhang war denkbar, zeitlich und örtlich. Der Unfall hatte sich gleich hier, heute früh, ereignet. Und der Mord geschah etwas weiter unten im Wadi. Zumal man zu dem Tatort nur gelangen konnte, wenn man von hier mit dem Wagen kam.
Sie stieg aus und ging rüber. Hafez stellte den Motor ab und folgte ihr. Am Rand der Straße, genau in der Kurve, befand sich ein größerer Stein, fast ein Fels. Ein Brocken, der sich wohl früher von irgendwo oben gelöst hatte und heruntergerutscht war. Ein kleines Stück davon schien erst vor kurzem abgebrochen. Steinsplitter lagen verstreut auf der Straße herum, die Bruchstelle war am Rand schwarz gefärbt. Nir nahm eine kleine Plastiktüte aus der Tasche und versuchte, mit ihren Fingern etwas von der Farbe abzukratzen. Sie fluchte leise und schaute sich ihre Fingernägel genervt an. Hafez stand schweigend neben ihr. Er griff in eine der vielen Taschen seiner Jacke. Bei dem offensichtlichen Versuch, etwas Bestimmtes zu finden, förderte er die verschiedensten Objekte ans Tageslicht. Nir wurde aufmerksam und schaute zu. Langsam musste sie schmunzeln. Wie bei einem kleinen Lausbuben kamen kleine Steinchen in verschiedenen Farben und eine alte Lupe hervor, ein ausgebleichter Schädel eines Raubvogels und der Panzer irgendeines Käfers. Schließlich fand er, was er gesucht hatte. Er lächelte verlegen und reichte ihr ein altes Taschenmesser. Damit gelang es ihr, ein paar geschwärzte Brösel vom Stein abzukratzen, um sie in das kleine Beutelchen aus durchsichtigem Kunststoff zu legen.
„Autolack?“
„Ich denke schon ... erzähl ich dir gleich“.“
Sie schaute wieder zur Straße,. „uUnd übrigens, da drüben, diese Bremsspuren, die sind stammen wohl von dem Motorrad“.“ Am Straßenrand war ein demoliertes Motorrad der Marke Norton abgestellt. Eine englische Maschine, die auch ohne den offensichtlich neueren Schaden, schon recht alt und zerbeult aussah. Nir beschloss, den verunglückten Besitzer so bald wie möglich ausfindig zu machen und zu befragen.
„Ich fürchte aber, Nir, wir sollten uns jetzt nicht zu viel um andere Dinge kümmern. Das, was wir gleich zu sehen bekommen, wird diese Sache hier vergleichsweise unwichtig machen. Ein kleiner Unfall, ein Leichtverletzter“, sagte Hafez mit einer wegwerfenden Handbewegung und ließ den Motor an. Er wusste also auch schon Bescheid. Er war genauso gut informiert. Auch ohne die Hilfe des Computermagiers Najib, auch ohne Satellitenbilder. Nir war unschlüssig,. „Wenn es nichts mit meinem, entschuldige, mit unserem Fall, zu tun hat, dann ist’s ja gut. Aber bedenk’ mal, die räumliche und zeitliche Nähe!“
Hafez fuhr los. Minuten später erreichten sie das Kloster bei Ain Fara, den Ausgangsort für den bevorstehenden Abstieg zum Canyon. Die heiße Mittagssonne tauchte die Wüstenlandschaft in ein gleißendes Weiß. Es war kaum möglich, die Augen zu öffnen. Erst unter einem der Bäume, im trockenen Bett des Wadis, wo seltene Winterregen ein klägliches Überleben der Pflanzen ermöglichten, würde sich Nir an das helle Licht gewöhnen.
„Wir gehen von hier aus zu Fuß rüber zum Wadi Qelt.“, Hafez deutete mit dem Finger in Richtung der Senke.
„Je mehr ich darüber nachdenke“, Nir überlegte laut, „desto mehr glaube ich, dass genau hier auch der oder die Mörder gewesen sein müssen. Wahrscheinlich war das hier ihr Rückzugsweg. Das Auto, welches in demn Unfall mit dem Motorrad verwickelt war, fuhr sehr schnell, als würde jemand flüchten wollen.“
Hafez hob die Augenbrauen, schaute sie fragend an.
„Wenn jemand so ein Ding dreht, wie du es fotografiert hast“, Nir rätselte weiter, „du hast doch zum Teil selbst die Fotos gemacht und uns nach Jerusalem übermittelt, oder?“ Hafez nickte. „Also, wenn man alles zusammen betrachtet, wo man das Opfer gefunden hat, wie und wann man es fand“, Nir versuchte zu kombinieren, „alles deutet doch darauf hin, dass es da einen Zusammenhang geben muss, kannst du mir folgen?“
„Darf ich vorschlagen“, Hafez formulierte vorsichtig, „vielleicht sollten wir uns da unten erst mal alles anschauen. Möglicherweise finden wir noch etwas mehr als nur theoretische Anhaltspunkte.“
Sie holten eine Wasserflasche aus dem Wagen, die Kamera, Nirs Tasche und machten sich dann auf den Weg. Die Beamtin wunderte sich. Warum hatte Hafez seinen Wagen nicht in den Schatten der Tamarinde gestellt, obwohl er das Auto extra in die Nähe dieses hier seltenen Baumes gelenkt hatte.? Der Toyota blieb in der prallen Sonne stehen.
Der steinige Pfad war zwar landschaftlich außerordentlich schön, jedoch recht beschwerlich. Die Untersuchungsbeamtin war keine leidenschaftliche Sportlerin. Sie dachte darüber nach, wie der Tag, noch vor wenigen Stunden so idyllisch unter einem Olivenbaum in Jerusalem an „ihrem Platz“ begonnen hatte.
Und es entging ihr nicht, wie ihr Begleiter leichtfüßig, irgendwie genüsslich, die schmalen, steinigen Wege in immer gleichem Rhythmus abschritt. Ein Naturbursche, dachte sie. Tatsächlich der Gang der Beduinen. Ein stetiger Schritt, immer im gleichen Takt. Die Füße scheinen die Erde kaum mit Gewicht zu belasten. Sie greifen mit den Schuhsohlen in den Boden, wie die Hufen der Berggazellen an den Berghängen am Toten Meer.
Zwischendurch bückte sich ihr Begleiter immer wieder wie ein fährtensuchender Indianer. Er drehte Steinchen um oder schaute unter verdorrten Zweigen. Patronenhülsen und eine Kaugummiverpackung, die er fand, warf er nach kurzer Betrachtung wieder weg. Einen grünen Stofffetzen jedoch schaute er sich genauer an. Er beschnupperte ihn kurz und steckte ihn in seine die Tasche.
„Es könnte vielleicht so sein.“, Nir versuchte eine erste Betrachtung, obwohl sie ein bisschen außer Atem war. Sie konnte es einfach nicht lassen, schon an „ihrem Fall“ herumzuanalysieren. „Wadi Qelt ist eine sehr beliebte Wanderroute, besonders in dieser Jahreszeit. Früher nur für Jugendbewegungen, Schulausflüge und Naturliebhaber. Seit kurzem auch für Touristen. Jemand wollte anscheinend, dass der Tatort zuerst von Touristen entdeckt wird. Mit ihrem Entsetzen, mit ihren Kameras, mit ihren Familien im Ausland ... also große internationale Presse. So eine Tat lässt sich aber nicht auf dem Platz vor der Klagemauer inszenieren. Sondern nur an einem Ort, der ein paar Stunden am Tag menschenleer ist. Und nur in der Dunkelheit, wenn sogar die Bilder von „,Ajin“’ nicht mehr so klar sind.“ Nir sprach vom „Auge“, dem Überwachungssatelliten, dem immer gegenwärtigen Beobachter ...
Sie musste stehen bleiben, Luft holen und etwas verschnaufen. Hafez wühlte in seiner Jackentasche. „Muschkela, gibt’s es ein Problem?“, fragte er. Er fand, was er suchte. Er hatte eine Orange dabei.
„Mafisch muschkela, nein“, meinte sie und blickte sich um.
„Nicht ganz und gar ohne Ausrüstung“, sagte er plötzlich lächelnd. Er zog die Zitrusfrucht hervor, roch genussvoll an ihrer glänzend öligen Schale und fing an, das Obst zu schälen. „Du meinst, da gibt es einen Verrückten, der sich die Mühe macht, sein Opfer in die Wüste zu entführen. Der eine Art Ritualmord begeht und alles so plant, dass es schnell und gründlich publik wird?“ Nir nickte. Sie nahm dankbar ein paar Schnitze der Orange entgegen. Sie verschlang sie gierig und genussvoll. Dann schaute sie zu ihm. Er stand wieder so, wie sie ihn vor dem Mahnmal zum ersten Mal wahrnahmgenommen hatte. Sein Gesicht von ihr weg gekehrt. So, als wolle er ihre Intimität beim Essen nicht verletzen. Zumindest kam es ihr so vor.
„Gut?“
„Schukran“, sagte sie leise, „danke.“
Sie war verwirrt, „Es könnte so schön hier sein, wenn nicht das wäre, was gleich da unten ... Ich meine ohne diesen Auftrag ... also dern Mordfall, meine ich.“ Irgendwie stolperten ihre Worte.
Er nickte, blickte zum Wegrand und bückte sich. Dann schüttelte er seinen den Kopf,. „hHier war vor kurzem schon mal jemand. Zwei waren es. Einer mit Schuhen, so groß wie für Dromedare.“, eEr lachte,. „Yalla, auf geht‘s. Bringen wir’s es hinter uns“, und sie begannen, in den Wadi hinunterzusteigen.
„Vorher wollte ich ... also, ich wollte nur sagen ...“ Nir versuchte es erneut.
„Al-lisanu mutargim al-qalb”, nuschelte Hafez vor sich hin, „die Zunge ist die Übersetzerin des Herzens.“
Die heißeste Jahreszeit war schon vorbei. Doch der Chamsin, dieser östliche Wüstenwind, beabsichtigte, die Glut Arabiens bis zum Mittelmeer zu tragen. Und die glänzende Oberfläche des Bodens schien ein altes Kinderspiel zu wiederholen. Jenes, welches ihre Brüder früher immer trieben, um sie zu ärgern. Die Sonnenstrahlen mit winzigen Spiegelbruchstücken zu fangen und zu bündeln. Um dann die kleine Schwester zu blenden. Hier allerdings spiegelten unendlich viele Steine und Kiesel, Klippen und Felsen die Hitze und das Licht.
Doch wenn die Marschrichtung wechselte und sie nicht geblendet war, ließ sich Nir von der beeindruckenden Mächtigkeit und der eigenwilligen Schönheit dieser Gegend hinreißen.
In dieser Region regnete es nur selten. Doch die dann schnell anwachsenden Wassermassen und die entstehenden Überschwemmungen formten hier in Jahrmillionen eine fantastisch anmutende Landschaft, zerklüftet und bizarr.
Die Kletterpartie kam ihr fast wie ein Spaziergang auf der Oberfläche des Mars vor.
Endlich erreichten sie den Grund des Canyons. Unten im Wadi standen schon drei palästinensische Polizisten herum. Sie mussten schon seit den frühen Morgenstunden dort ausgeharrt haben. Einer von Hafez’ Kollegen saß im Schatten eines Felsens vor einem winzigen Lagerfeuer. Er fiel durch seinen imposanten Schnurrbart auf. Seine lebendig verschmitzten Augen waren durch von mächtigen Augenbrauen überdacht. Er kochte Kaffee in einem mitgebrachten arabischen Kaffeetopf, den er über der Flamme hielt. Das Behältnis war aus goldgelbem Messing, mit einem kuppelähnlichen Deckel verschlossen. Es hatte einen langen, seitlichen Griff aus schwarz lackiertem Holz. Auf einem kleinen Tablett standen schon die Finjan, winzige Porzellanschälchen, bereit. Neben dem Hockenden war ein Maschinengewehr MAG 7.62 mm aus belgischer Produktion auf einem Dreibein montiert. Früher Standard bei der israelischen Polizei, nachdem es von Zahal, dem israelischen Militär, ausgemustert wurde worden war. Ein anderer Polizist stand etwas abseits, einen „Magal“ im Anschlag, die moderne Polizeiversion der Maschinenpistole „Galil“ aus israelischer Produktion. Mit einer Zigarette im Mundwinkel und mit düsterem Blick versuchte er, sein jungenhaftes Erscheinungsbild durch martialisches Auftreten zu kompensieren zu wollen. Der dritte Ordnungshüter stand etwas weiter weg, gebückt über einer Stelle, die er allem Anschein nach soeben untersuchte.
„Masaa il cheer!!”, rief Hafez schon von weitem.
„Massa' in-nuur”, antworteten die Ddrei. Im Unterton eine aufgeregte Begeisterung. Etwa so, dachte Nir, wie die Küken im Nest, wenn der Altvogel mit Nahrung zurückkehrt. Sie schienen Hafez Chalil sehr zu schätzen. Gleichzeitig schauten sie aber verwundert und neugierig zu ihr, seiner Begleiterin, hinüber.
Die Kommissarin aus Jerusalem blickte sich um. Sie schnupperte den Kaffeeduft mit seiner obligatorischen Prise Kardamom. Sie nahm die mitgebrachten Waffen wahr und meinte dann lakonisch,: „Wann beginnt der Sturmangriff?“ Die Männer zogen Grimassen und grinsten in sich hinein.
Nir schritt zu der Stelle, auf die der eine Wachhabende hingedeutet hatte. Hafez strich sich mit dem Zeigefinger über die Lippen, er signalisierte seinen Mitarbeitern, ihren den Mund zu halten. Als würde er ihnen andeuten wollen, passt auf bei dieser Frau! Was schaut ihr mich so an, sie ist nun mal so, wie sie ist, was habe ich denn damit zu tun!
Der Polizist, der gebückt beim Opfer stand, blickte hoch und sah sie näher kommen. Pflichtbewusst trat er zur Seite. Dann sah er die Beamtin wie erstarrt stehen bleiben. Ihr Gesicht versteinerte sich, sie hielt sich reflexartig eine Hand vor demn Mund. Sie machte die Augen zu und drehte sich um.
Es war doch etwas anderes, wirklich das vor Augen zu haben, was schon auf den übermittelten Fotos so schrecklich anzusehen, aber eben nur ein virtuelles Bild gewesen war.
Ein Mensch, kniend, war mit nach hinten gedrehten Armen, mit einem grünen Seil an einemn hölzernen, in die Erde gerammten Pfahl gefesselt. Obwohl von ihrem Blickwinkel nicht genau zu erkennen, war es ihr klar. Nir wusste, allein schon von der Betrachtung der Fotos, dass der Tote geköpft worden war. Der dazu benutzte altmodische Säbel steckte mitten in einer großen Blutlache mit der Spitze im lockeren Boden des trockenen Flussbettes. Der Kopf des Opfers lag so weit hinter dem gebeugten Körper, dass man denken konnte, es befände sich dort noch ein weiterer Leichnam.
Das Gewand des Opfers hatte die gleiche grüne Farbe wie das Seil. Doch es lag nun in einer roten Lache aus Blut und Sand. Bei Muslimen ist Grün die Farbe des Propheten. Mohammed selbst trug einen grünen Mantel und einen grünen Turban. Und er soll mit einer Fahne in dieser Farbe Mekka erobert haben.
Nir schaute vorsichtig über die Schulter, als Hafez sich zu ihr gesellte.
„Und?“, fragte er und schaute sie an, „was meinst du?“
Kommissarin Zipori war ratlos. Und Nir, die Frau, war sprachlos. Sie rang nach Fassung und deutete mit dem Daumen hinter sich, „Weiß man schon mehr?“
Hafez bemerkte ihre Verunsicherung. „Ja. Der Mann ist ... also er war Scheich Hassan Salameh. Ein beliebter Geistlicher und eine anerkannte religiöse Autorität aus einem Vorort von Ramallah. Er war geachtet als toleranter Mensch und großer Befürworter der Staatenvereinigung.
„Hat man sonst noch was gefunden?“
„Ja, eine abgerissene goldene Halskette mit Amulett.“
Amulett, Talisman, aus dem arabischen Tilsam, ein Zauberbild, dachte Nir. Ein bisschen Aberglauben darf auch ein muslimischer Würdenträger haben.
„Tragen die Leute bei euch auch heute noch so was?“
„Kann ich dir nicht so genau sagen“, meinte Hafez. „Scheich Hassan Salameh jedoch trug keines, das wissen wir mit Bestimmtheit!“
„Wie, mit Bestimmtheit?“
„Nun, wir haben bei seiner Familie schon gefragt ... und außerdem ...“
„Was?“
„Es ist eine Art Relief.“, eEr zeigte es ihr. „Es stellt die David-Zitadelle in Jerusalem dar. Und eine Widmung befindet sich auch darauf, auf Hebräisch. Le- Bni Ha-Ahuv. Also, meinem geliebten Sohn.“
Nir stockte der Atem. Der Täter war also mit großer Wahrscheinlichkeit ein Jude! Oder ... es sollte zumindest danach aussehen. Das ist nicht wahr! Nicht schon wieder ... die Auswirkungen könnten unabsehbar ...
Ihre vielleicht noch vorschnellen Überlegungen von vorhin schienen jetzt so abwegig nicht mehr zu sein.
„Ich muss nachdenken“, sagte Nir, als sie plötzlich etwas auf dem Boden sah, was ihr irgendwie sonderbar erschien. „Was ist das?“, fragte sie und deutete mit dem Finger auf ein paar kleine Steine, die gleich vor ihren Füßen lagen. Hafez schaute hin. Da lagen vier abgeflachte Steine nebeneinander. Als hätte dort ein Kind mit Kieseln gespielt. Darüber ein kleines Holzstückchen, ein trockener Ast.
„Ich weiß nicht recht, hier gehen viele Spaziergänger vorbei, auch viele Kinder. Sie machen Pause, essen und trinken, es bedeutet wohl nichts. Sieht übrigens wie ein Schmetterling aus.“
„Mach auch davon ein Foto, bitte.“
„Wozu, Nir? Der ganze Wadi bis hinunter zum Kloster des Hheiligen Georg und weiter, bis ganz unten bei Jericho … der Wadi ist voll von Cola-Flaschen, Babyschnullern und Toilettenpapier. Bis zur nächsten Regenflut.“
Hafez dachte kurz nach, lächelte freundlich, gab wieder seinen Zischlaut von sich und meinte schließlich,: „Na gut, Schmetterlinge sind ebenso eine Leidenschaft von mir.“. Er holte die Kamera hervor, kniete sich hin und nahm das kleine, unscheinbare Steingebilde auf. „Aber ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ein Täter seine Unterschrift hier hinterlässt, wenn du das meinst. Obwohl ... nichts, was es nicht schon gegeben hätte. Das würde aber wohl in eine andere Richtung weisen, eher in die geschlossene Anstalt, wenn du verstehst, was ich meine.“.
Dann richtete er sich auf und steckte die Kamera wieder ein. Er schaute nach Osten, wo der Wadi seinen Lauf Richtung Jordantal nahm. Er murmelte nachdenklich, wie zu sich selbst,: „Das wäre ein wunderbarer Spaziergang da runter ... irgendwann mal, unter besseren Umständen vielleicht.“
Er war etwas irritiert, als er merkte, dass Nir es gehört hatte. Er grinste verlegen.
„Hast du noch nie das Kloster St. Georg besucht?“, fragte sie, „bist du noch nie diesen Weg gewandert?“
„Doch, schon sehr oft sogar“, er lächelte etwas betreten, „aber bisher immer allein.“
Sie liefen in dem Wadi dDutzende von Metern in jede Richtung. Sie untersuchten jeden Winkel, drehten jeden Stein um, ohne irgendwelche weiteren nennenswerten Spuren sichern zu können. Sie beschlossen die Freigabe des Tatortes. Das Opfer durfte abgeholt, der Tatort aufgeräumt und danach Wadi Qelt zum Besuchen und Wandern wieder geöffnet werden.
Das Angebot, einen Kaffee aus einer der winzigen Porzellantassen mit zu schlürfen, lehnte Nir freundlich ab. Normalerweise liebte sie dieses Getränk, das gleich mit Zucker und Kardamom gewürzt gekocht wurde. Doch jetzt war es wohl besser, nichts zu sich zu nehmen ...
Hafez nahm jedoch ein Tässchen dankend an. Er stellte sich noch eine Weile zu seinen Kollegen und genoss auch die witzige Situation. Keiner seiner Gesetzeshüter ahnte, dass Nir, diese jüdische Kollegin, jedes auf Arabisch gesprochene Wort verstand. Schließlich verteilte er noch verschiedene Instruktionen. Seine Männer waren froh, endlich wieder tätig werden zu können.
„Wir müssen zurück zum Wagen“, meinte Hafez. Er lächelte, seine Handflächen zum Himmel gerichtet,. „Wir haben leider keine Wahl, als zu klettern.“.
Sie begannen den Weg, den sie gekommen waren, zurück zu erklimmen.
Es war schon Mittagszeit. Während des Aufstiegs aus der Schlucht zauberte Hafez Nüsse und saure Bonbons hervor. Seine Taschen schienen ein unendliches Reservoir für Erfrischungen aller Art zu sein. Nir wunderte sich auch nicht mehr, als Hafez steigend und leise pfeifend noch eine weitere Orange schälte.
Wie können diese Männer, im Angesicht des Todes, neben einer Leiche, neben einem bestialisch gemeuchelten Menschen … wie können sie Kaffee kochen, herumscherzen, ungerührt eine Orange schälen? Nir schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Jeder hat seine eigene Methode, mit schlimmen Dingen umzugehen, Kollegin“, sagte er, als hätte er ihre Gedanken erraten. Er zerlegte die Frucht und hielt ihr ein paar Schnitze hin, „Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden, wie er Abschiede nimmt, wie er trauert. Manchmal sofort und laut, manchmal erst später, viel später, im hintersten Zimmer, vielleicht unter seinem Olivenbaum auf dem Ölberg ...“
Sie schaute ihn kurz mit großen, fragenden Augen an.
Über ihren Köpfen, weit oben, krächzte ein krähenähnlicher Vogel. Nir versuchte, ihn im Gehen auszumachen. „Corvus Ruficollis“, sagte Hafez, ohne auch nur seinen den Kopf zu heben, „der Wüstenrabe mit seinem braunen Nacken. Ein wunderschönes Geschöpf.“ Just in diesem Moment flog das Tier, fast in Augenhöhe und nur wenige Meter entfernt, an ihnen vorbei.
„Die weißen Tauben von meinem Balkon wären mir jetzt lieber gewesen“, Nir klang nachdenklich., „Aauf meinem Balkon in Jerusalem. Die haben etwas iIntimes, hHeimeliges an sich. Außerdem sollen sie Friedlichkeit symbolisieren ... wo doch nächste Woche schon unser neues Nationalfest, der Tag des Friedens, gefeiert wird.“
4.
Es war etwa zur gleichen Zeit. Nir und ihr neuer Kollege kletterten zurück zum Toyota. Die palästinensischen Polizisten kümmerten sich unten in der Schlucht um die Bergung der Leiche von Scheich Hassan Salameh. Und Sarith Elkajam war damit beschäftigt, ihre trockene Wäsche mit einer Hand abzuhängen. Auf Mit demr anderen hielt sie ihr Baby. Wieder ein neues Mitglied im Kreis der „Einzig wahren Wächter des richtigen Weges des Herrn“. Jene radikal nationalistisch eingestellten jüdischen Siedler, die ihre erzwungene Landnahme und ihre provozierende Anwesenheit auf palästinensischem Gebiet vor dem Zusammenschluss von Israel und Palästina als von Gott selbst gewollt, als historisch und religiös verbrieftes Recht, betrachteten.
Und als Nir mit ihrem Kollegen seinen dessen Wagen erreichte und anerkennend feststellen musste, dass durch den nun neuen Sonnenstand der Toyota im kühlen Schatten parkte, just in diesem Moment klingelte es im Haus der Familie von Sarith Elkajam.
Das kabellose Telefon in Sariths Heim war von neuestem Design und befand sich auf einer kleinen Anrichte. Es meldete sich mit einer Piepton-Folge. Auf diesem Büfett stand auch eine Menora, ein siebenarmiger Leuchter, Nationalzeichen der Juden Israels, eines der wichtigsten religiösen Symbole des Judentums überhaupt. Gleich daneben lehnte ein Schnellfeuergewehr M 16 der amerikanischen Firma Colt an der Wand. Eine in Israel allgegenwärtige Waffe, trotz umfangreicher eigener Rüstungsproduktion. Irgendwie hatte man es versäumt, als man, im Zuge der Staatenvereinigung, die verschiedenen radikalen Palästinensergruppierungen entwaffnete, auch den Siedlern ihre Schusswaffen abzunehmen. Neben dem klingelnden Telefon lagen noch zwei geladene Magazine der Waffe, gleich neben der Menora. „Denn man konnte ja auch in Friedenszeiten den Arabern nie trauen.“
Sarith hielt das Baby fest im Arm und legte die trockene Wäsche mit der anderen Hand in einen großen Korb. Dann eilte sie zurück ins das Haus. Das Telefon hörte nicht auf, zu klingeln.
Hinter dem Gerät, unter dem Fenster, hingen ein Ppaar Bilder in kleinen Holzrähmchen. Ein Familienfoto von Doron und Sarith Elkajam mit ihren sechs Kindern im Alter von drei Monaten bis neun Jahren. Die Jungs aufgenommen mit Kippot, die Mädchen und Frauen mit Kopftüchern.
Ein anderes Foto zeigte Rabbi Mosche Levinger, einern der geistigen Köpfe von „Ne‘emanei Eretz Israel“, den Getreuen des Landes Israel. Daneben ein Bild von Rav Shlomo Aviner, einem der Führer von „Gush Emunim“, dem Bund der „Aufrichtig Gläubigen“.
Mit diesem „Altar des Glaubensbekenntnisses“ wies sich Familie Elkajam als treues Mitglied einer rechtsradikal und jüdisch national stehenden Gruppierung von Bürgern aus. Eine Bewegung, die sich schon immer für ein „Großisrael“ stark gemacht hatte, sich aber eine Beteiligung von Nichtjuden als vollwertigen Bürgern in so einem Staat in keiner Weise vorstellen konnte.
Für sie war ein rein jüdisches „Erez Israel“ gleichzeitig auch ein religiöser, ein theokratischer Staat. Nach ihren Vorstellungen, entsprechend den biblischen Prophezeiungen, ein Machtbereich in weit ausgedehnten Grenzen, so, wie es ihrer Meinung nach Gottes unumstößlicher Wille war.
Auf dem Büfett meldete sich weiterhin das Telefon, ein grünes Lämpchen blinkte unentwegt. Sarith Elkajam ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Wenn die Nachricht wichtig genug war, würde der Allmächtige schon dafür sorgen, dass sie ankam. Sie ging mit dem Baby zuerst in die Küche, um ein Milchfläschchen zu holen.
Auf einem weiteren Bild über der Anrichte waren verschiedene Häuser der Siedlung „Adon Oleh“ zu sehen. Rot bedachte Behausungen auf hügeliger, spröder Landschaft. Ganz entfernt war die Autobahn Nablus - Ramallah zu erkennen. Ende der Siebziger des Zzwanzigsten Jahrhunderts war Adon Oleh gegründet worden. Eine Art Pioniersiedlung dieser nationalistischen Juden in den damals palästinensischen Gebieten. Inzwischen war dieser Ort zu einer ansehnlichen kleinen Metropole angewachsen. Diese Stadt stand inzwischen nicht mehr auf „befreitem Gebiet“, sondern schlicht und einfach im Staate Israel-Palästina.
Das Telefon klingelte immer noch, als Sarith Elkajam eine Nuckelflasche danebenstellte und den Hörer von seiner Halterung hob.
„Elkajam! ... Sei gesegnet! ... Ja, mit Gottes Hilfe. Wie bitte? ... Nein, er ist schon unterwegs ...“
Sarith Elkajam war eine gute, liebsorgende Mutter, gottesfürchtig und immer freundlich. Eigentlich fand sie, dass hatte der Ewige alles in diesem Land, ihrem Land „Erez Israel“, aufs Beste eingerichtet hatte. Eigentlich. Das Einzige allerdings, was ihr missfiel, was bei ihr den „blanken Zorn, den Zorn des Allmächtigen“, entfachen konnte, war dieser Zusammenschluss. Und damit war sie ihrem Mann ganz gleich. Das Einzige also waren diese „heimatlandverräterischen unseligen Verträge mit den Arabern“. Für sie war die treulose Regierung des damaligen Premiers Baruch Kaminski, welche so frevelhaft und ruchlos das Heilige Land für einen „Linseneintopf“ verkaufte, „schlimmer noch als die Nazis“.
Sie presste den Hörer ans ihr Ohr. „Ja, natürlich weiß ich, mit wem ich rede ... was sagst du? Es sind so viele Geräusche im Hintergrund.“
Sarith stand neben der Anrichte, ihren Säugling auf dem Arm. Unter dem langen Rock trug sie eine Hose, ihr Hemd hatte lange Ärmel, und ihr Haupt war mit einem Kopftuch bedeckt. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Natürlich … das ist angekommen ... Klar doch, natürlich … haben wir sofort danach gelöscht ... Was? Wie bitte? Selbstverständlich, er hat es mitgenommen. Ja, hat er dabei ... Mache ich,. Schalom. Sei auch du gesegnet.“
Sie setzte sich auf einen Stuhl, legte das Baby in ihren Schoß und hielt ihm das Fläschchen zum Nuckeln hin. Dann griff sie zum Handy, das auf einem Beistelltisch lag. Nach kurzer Überlegung legte sie es zurück. Sie wartete eine Weile, stand dann wieder auf. Sie ging zum Telefon und tippte eine Nummer ein, die sie von der Rückwand eines der Bilder auf der Anrichte ablas. Die Verbindung schien sich nicht aufbauen zu wollen. Sie versuchte es erneut. Und immer wieder.
Kommissarin Nir Zipori und Untersuchungsbeamter Hafez Chalil hatten sich inzwischen in den Toyota gesetzt und machten sich für die Rückfahrt bereit. Im Wageninneren war es tatsächlich schön kühl. Das Auto stand ja im Schatten des Tamarindenbaumes.
Zur gleichen Zeit, als Hafez den Anlasser des alten Toyota immer wieder betätigte, um den Wagen zu starten, versuchte Sarith Elkajam nach wie vor, ihre telefonische Verbindung herzustellen.
Die Ben-Jehuda-Straße, eine belebte und sehr beliebte Fußgängerzone in Jerusalem, war um diese Zeit besonders gut besucht. Hier gab es nicht nur viele Geschäfte, sondern auch Cafés und Restaurants. Kaum ein Tisch oder ein Stuhl war frei. Straßenkünstler nutzten diesen verkehrsberuhigten Bereich als Forum für ihre Vorstellungen. Sie spielten auf ihren Musikinstrumenten oder bemalten die Pflastersteine, jonglierten mit Bällen und Keulen oder ließen Puppen und Marionetten tanzen.
Die neueste Attraktion stellten die Musikakrobaten dar. Sie jonglierten mit kleinen Messingkugeln, in deren Innerem elektronische Klänge durch Beschleunigung, Schütteln oder Drehen angeregt und zum Schwingen gebracht werden konnten. Durch geschicktes Hochwerfen und Auffangen der glitzernden Kugeln entstanden sphärisch anmutende Klänge, die sich zu einer komplexen musikalischen Komposition entwickeln ließen. Das musikalische Niveau der Darbietung hing also immer auch mit der akrobatischen Geschicklichkeit des Künstlers zusammen.
Mütter schoben ihre Babys in Kinderwagen vor sich her, leckten an Eistüten und erzählten sich von den Wundertaten ihrer genialen Zöglinge. Verliebte Paare und Touristen flanierten zwischen großen Kübeln, die mit leuchtend blühenden Sträuchern bepflanzt waren.
Ausländern oder Fremden, die zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder in Jerusalem zu Besuch waren, fiel auf, dass auch viele Araber, zum Teil sogar in ihren traditionellen Trachten, auf den Straßen flanierten. Sie schauten sich die Auslagen in den Schaufenstern an und unterhielten sich völlig unbekümmert auf Arabisch. Zum Einkaufen wechselten sie ins Hebräische.
Vor einem der vielen Cafés der Ben-Jehuda saßen zwei Männer an einem Bistrotisch und unterhielten sich. Der Aauffälligere löffelte behutsam und mit Kennermiene sein Speiseeis. Es war vielmehr eine Kreation aus Eiscreme mit Obstsaucen, recht bunt, üppig und sicherlich nicht ganz kalorienfrei. Dennoch sah der Mann sportlich aus. Er hatte einen durchtrainierten, sehnigen Körperbau, und sogar sitzend bewahrte er eine die Haltung von einems Kunstturners oder einem Balletttänzers. Nur sein faltendurchfurchtes, gebräuntes Gesicht und seine sehr kurz geschorenen, ergrauten Haare verrieten, dass er seinen sechzigsten Geburtstag schon vor etlichen Jahren gefeiert haben musste.
Er horchte plötzlich auf.
„Früher vibrierte es bei mir ganz woanders“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, und griff in die Hosentasche. „Aber dieses Vibrieren hat auch was. Jedes Mal, wenn mein Handy sich meldet, bin ich meinem Ziel ... na gut, sagen wir unserem Ziel, wieder etwas näher“.“ Er holte sein Mobiltelefon hervor und drückte auf die Sprechtaste.
„Zu Befehl!“, rief er, immer noch grinsend, in den Apparat. „Aha, ja ... habe ich vielleicht überhört ... ich sitze hier auf der Ben-Jehuda … ja, viel los, Straßenmusikanten, kreischende Kinder ... Was gibt’s? Ach so ... reg dich ab! Das ist wirklich kein Problem. Natürlich stand es in der Zeitung. Dafür haben wir schon gesorgt. So wollten wir das doch, genau so! Das sollte ja groß rauskommen! ... Wie bitte? Ja, klar, natürlich wird sich die Polizei darum kümmern müssen. Aber gerade das spielt uns doch noch mehr in die Hände ... Ich sage doch immer und immer wieder: Große Publicity ist das, was wir jetzt gut brauchen können. Also mach dir keine unnötigen Sorgen!“
Der Mann schien sehr zufrieden zu sein. Mit sich selbst, mit seiner Eiscreme, mit seinen Plänen und auch sonst mit der Entwicklung der Dinge. Er hörte kurz zu, was Sarith Elkajam aus der Siedlung Adon Oleh ihm noch mitzuteilen hatte, dann sagte er,: „Klar, das ändert schon was ... In wie fern? Nun ich würde sagen, deshalb haben wir unsere Sitzung auf heute Abend vorverlegt. Ich habe es schon mit deinem Mann … ja, das habe ich schon mit Doron besprochen …
Klar, weniger Zeit, aber das hat auch seine Vorteile ... Richtig! Genau das, ich war noch nie begabt in geduldigem Ausharren.“
Er lachte kurz und behielt den Apparat in der einen Hand, schob sich mit der anderen noch etwas Eiscreme zwischen die Zähne und drehte sich leicht um. Er schaute seinem Tischnachbarn in die Augen und fragte ihn mit noch vollem Mund,: „Wusstest du’s schon, Seligmannn?“
„Ja, General, seit etwa einer Stunde.“
Der General hatte übrigens diesen militärischen Titel wirklich getragen. Früher, vor etlichen Jahren mal. Zwischendurch war er aber in ganz anderer Funktion beschäftigt gewesen. Berater einer Firma in Rüstungsgeschäften und Agrarier, wie er sich zuweilen etwas zurückhaltend vorstellte. Nun aber fühlte er sich endlich, nach langer Zeit wieder, ganz in seinem Element.
Die Phase zwischen seinem eleganten, ehrenvollen Rausschmiss aus der Armee, „dem elenden Scheißfrieden sei Dank“, und der Gegenwart, verbrachte der verhinderte Haudegen mit qualvollen, persönlichen Endzeitfphantasien. Aufs alte Eisen geworfen, ohne soldatische Funktion und ohne ein Leben für die Ehre, war Mosche Ben Zion nur noch ein Schatten seiner selbst. Er hatte schon im Ernst überlegt, Schluss zu machen. Na ja, das hatte noch Zeit, die Verhältnisse köonnten sich ja auch wieder ändern ... und die alte Militärpistole rostete ja nicht so schnell in seiner Nachttischschublade. Er hatte sie ja immer vorsorglich gepflegt und eingeölt.
Er schaute nochmals zu seinem Gesprächspartner am Tisch, und wieder auf das Mobiltelefon, welches er immer noch in der Hand hielt. „Sarith, ich mache mal Schluss, aber ich sehe den Doron sowieso heute Abend. Wenn du mit ihnm sprichst, kannst du ihm ... nein, brauchst du nicht, er ist ja so ... so leidenschaftlich. Er wird es schon nicht vergessen,. Schalom.“
„Wie gesagt, bereits seit einer Stunde“, meinte Professor Leon Seligmannn. Ein mittelgroßer Mann, der eher wie eine Karikatur eines altmodischen Schneiders oder Buchhalters aussah. Er steckte, in dieser Umgebung eher auffallend, in einem braunen Nadelstreifenanzug. Seine Haare waren pedantisch nach hinten gekämmt und wirkten wie geklebt, auch wenn sie zum Teil durch eine dunkelrote Kippa verdeckt waren. Auf der Nase trug er eine kleine Nickelbrille.
„Ich habe einen Anruf erhalten. Von drüben. Die sagen ... na, wie drücken die sich aus? Also, alles unter Kontrolle! Die meinen, zum jetzigen Zeitpunkt keine Intervention! Man sollte die Geschichte mit der Kommissarin und dem Typ da aus Ramallah nicht hochkochen. Keine überspannte Reaktion, erst mal nur beobachten … ja, natürlich wissen wir schon von diesen Clowns! Aber so, wie die Dinge sich jetzt entwickeln, gibt es keinen Grund zur Aufregung, keinen Anlass, irgendwelche Pläne zu ändern. Also keine Panik bitte schön!“
Professor Leon Seligmannn, der Mann in dem braunen Nadelstreifenanzug, der ein Freund Israels war und gleichzeitig ein patriotischer Amerikaner im Dienste seiner Regierung, blieb gelassen.
„Laut unserern Archiven“, er sprach in ruhigem Ton, eher leise, fast konspirativ, „laut unserer Information sind die Bbeiden völlig harmlos. Er ein Beduinenmischling mit Ökoscheiß im Kopf, so ein träumerischer Naturliebhaber. Und sie ... sie war früher spezialisiert auf Soziales. So Dinge wie Missbrauch ...“, er zählte an den Fingern wie ein Kind beim Rechnen ab, „Vergewaltigung, Frauenhandel und Prostitution. Na ja, Weibergeschichten eben. Du siehst schon, du brauchst dich also wirklich nicht zu sorgen, Mosche!“ Mosche Ben Zion regte sich aber auf.
Er war es nicht gewohnt, dass ihm jemand versuchte, ihm Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Dass seine Pläne wie auch immer, und sei es nur partiell, behindert wurden. Klar, die Polizei musste natürlich ermitteln, damit hatte man ja gerechnet. Aber gleich zwei Beamte … Als er noch Aluf war, also General bei der israelischen Armee, eilte ihm der Ruf eines Mannes voraus, der rücksichtslos seine Ziele verfolgte.
In seiner Aktivzeit war der alternde Draufgänger beliebtes Objekt verschiedener Karikaturisten und Kabarettisten ... Ziel für Hohn und Spott über die Auswüchse und Lächerlichkeit des überaus verbreiteten nationalistischen Stolzes. Der fast religiösen Huldigung an das Militär und der Schadensfreude angesichts des Schicksals der Palästinenser. General Mosche Ben Zion war einer der Archetypen der damaligen Gesellschaft.
Bei der Gründung des Staates Israels sprach man noch von Moledeth (Heimat), Eretz (Land) und Adamah (Boden), auffallend weibliche Hauptwörter ... später sprach man nur noch von Zavah (Militär), Krav (Schlacht), Alufim (Generäle) und Kesef (Geld) ... männliche Begriffe, die das Selbstverständnis der Gesellschaft in Israel spiegeln sollten.
Nach türkischem Vorbild konnten sogar Menschen juristisch belangt werden, wenn sie sich nur kritisch mit den tabuisierten Dogmen der israelischen Geschichte auseinandersetzten. Das Plädieren für Kriegsdienstverweigerung oder auch nur das öffentliche Befürworten desselben, wurde polizeilich verfolgt.
Der „Panzer“, wie Mosche Ben Zion auch genannt wurde, entsprach dem israelischen Klischee eines Superhelden. Mosche musste nie zu den Fahnen gerufen werden. Mosche stand sowieso immer unter Feuer, auch wenn mal ausnahmsweise gar nicht geschossen wurde.
Damals, in der berühmt berüchtigten Elite Einheit Machatz, auf Hebräisch zerreiben, aufreiben ... der General versank mitten in der Ben-Jehuda in einen Tagtraum. Er tauchte in eine seiner beliebten Erinnerungen ein. Er sah sich wieder auf den Feldern der Ehre. Seine Leute ihm treu verschworen, ausgebildet und hart trainiert, wie die den berühmten „Ledernacken“, dem United States Marine Corps, in nichts nachstehend.
Eine Erinnerung hatte er sich ganz besonders lebendig erhalten. Zu seinen engsten Verschworenen von heute gehörte, wie schon damals, einer seiner früheren Soldaten,: Ethan Nakam. Alte Bilder wurden lebendig ... der Soldat Ethan, der damals, als sie über das palästinensische Dorf herfielen, das Dorf, welches genau neben Mosches Farm lag, den fruchtbaren Böden gleich bei den Olivenhainen ... Ben Zion erwachte wieder aus seinem Wachtraum.
Seit damals war Ethan Nakam so etwas wie sein Ziehkind geworden. Wenn man so wollte, der Mann „für’s Grobe“. Ein guter Junge!
Professor Seligmannn bemerkte Ben Zions Verfassung. Er hielt sich zurück, wollte den alten Soldaten mit seinen Erinnerungen nicht stören. Der General löffelte in seinem Eiscremekelch herum. Er ließ die Vergangenheit noch mal lebendig werden.
Ein Spruch, den Mosche damals beständig und gerne von sich gab, war lautete,: „Auf Zahals (Israels Armee) Wappen ist befindet sich ein Schwert mit Davidstern. Über allem liegt ein Olivenzweig. Auf Letzteresn kann man getrost verzichten.“
Aber Israels Armee hat traditionell schon immer die Politik verfolgt, dass alle Aufgaben der höheren Dienstgrade in regelmäßigem Turnus in neue, frische Hände gelegt wurden. Kein Hauptmann, kein General konnten sich dieser Fluktuation entziehen. So sollte in einer „offenen Demokratie freier Bürger“ die Bildung einer veralteten Soldateska verhindert werden. Die so freigestellten Hochdekorierten übernahmen sogleich die höchsten Führungspositionen in der Wirtschaft und im Staatswesen.
Mosche Ben Zion, General inm Ruhestand, konnte oder wollte sich aber damit aber nicht abfinden! Schon deshalb nicht, weil es zu offensichtlich war, dass seine „Verrentung“ etwas mit den Jerusalemer Verträgen zu tun hatte.
Den ganzen Tag in seiner riesigen „Hazienda“, wie er sein weitreichendes Landgut bezeichnete, immer nur Rinderzucht und Kiwianbau ... das war nicht das, wofür er sich begabt und bestimmt gefühlt hatte. Er spürte es immer wieder, besonders wenn er nachts im Bett lag. Neben ihm schnarchte Schula, seine Frau, und in ihm tanzten die Schimären der Verzweiflung. Er fühlte sich abserviert.
Ja, er hatte es eine Zeit lang als verlockend empfunden, er hatte in dem Aufbau der landwirtschaftlichen Farm ein neues Ziel, ein neues Projekt, gesehen, etwas, wofür es sich vielleicht gelohnt hätte, einen völligen Neuanfang zu wagen. Er hatte wirklich alles versucht, aber „die Fledermäuse“, wie er seine Depressionen beschrieb, bedrückten ihn.
Eine Hinwendung zur Politik oder zu bestens vergüteten Posten in der Wirtschaft, so, wie es viele seiner Armeekollegen gemachttan hatten, war im Moment auch unmöglich. Er war ja bekannt für seine politischen Ansichten, hatte nie ein Hehl daraus gemacht. Was war daran so schlecht, voll und ganz hinter seinem Land, seinem Vaterland, zu stehen? Was war tadelnswert, wenn er immer dafür stand, die Feinde Israels mit aller Macht in ihre Schranken zu weisen?
Gut, die Zeiten haben sich geändert. Über Nacht sozusagen „brach über das jüdische Volk der Frieden herein“. Das konnte nun wirklich keiner vorher erahnen. Propheten waren auch in der Bibel nur dünn gesät, und die sind irgendwie ausgestorben. Ein Schweigen der Waffen, wer konnte das schon voraussehen?!
Diese Sache war so überraschend gekommen, dass sogar der israelische Mossad, einer der besten Geheimdienste der Welt, völlig ahnungslos war. Es hieß, sogar in der CIA ließ habe Professor Seligmannn wegen dieser Geschichte Köpfe rollen lassen. Deshalb saß er auch jetzt, dieser „Schlapphut“, hier mit ihm am Tisch, um gemeinsame Pläne zu schmieden. Schadensbegrenzung nennt nannte man das.
Trotzdem! War das der Lohn für sein Lebenswerk, für seine Opfer, für all die Mühe, die er sich für Israel gemacht hatte? Und jetzt schien alles verloren. Es herrschte, man stelle sich das nur vor, eine Atmosphäre von Toleranz und Menschenliebe ... Gott behüte! Wie konnte das nur geschehen, dass so unvermittelt und ohne Vorwarnungen der Friede ausgebrochen war!
„Worries, problems??“, fragte Leon Seligmannn, der seine amerikanische Wiege nicht verbergen konnte,. „hHave some more coffee!!”
General a. D. Mosche Ben Zion schüttelte sich,. „Eh, nein, ich war ... auf dem Mond sozusagen. Nur in Gedanken ... ist schon alles in Ordnung.“
Er stellte seinen Eisbecher wieder hin, „Sag’ mal, Leon, die Sachen ... diese Dinge, die wir noch brauchen, die du mit der Diplomatenpost herbeischaffen wolltest ...“
„Ist schon erledigt. Kommt in den nächsten Tagen in Jerusalem an.“
„Und das Geld? Ich meine, die Leute müssen ihre Familien ernähren. Die sind schon Wochen nicht mehr ihrer regulären Arbeit nachgegangen. Die tun nichts anderes, als sich für diese ... Mission zu engagieren. Und dann die vielen Schlösser, die man schmieren muss, damit sie sich leichter und leiser öffnen lassen, du weißt schon, in der Armee und so. Damit sie ein bisschen Material loseisen. Ich bin das nicht gewöhnt, früher brauchte ich nur zu befehlen!“
„Mosche! Hab doch Vertrauen! Du arbeitest mit Professor Leon Seligmannn, und das heißt, du ...“
Da beide das Ende des Satzes gleichzeitig zitierten, eine Redewendung, die anscheinend schon oft gefallen war, klangen sie, als hätten sie es gemeinsam einstudiert und geübt. „... das heißt, du arbeitest mit einem Schlapphut der US-amerikanischen Bundesbehörde, Central Intelligence Agency zusammen!“
Beide lächelten verlegen, wie zwei alte Männer, die beim Erzählen eines schlüpfrigen Witzes ertappt wurden. Dann aber schauten sie sich leicht nervös um und entspannten sich erst, als sie sich sicher waren, dass niemand ihnen zugehört haben konnte.
In diesem bunten Treiben, unter all den vielen Menschen in der Fußgängerzone von Jerusalem, die den Musikern im Hintergrund, die den zahllosen Handybenutzern mit ihrer mediterranen Sprechbegeisterung ... eigentlich konnte man nirgendwo sicherer vor Beobachtung oder Belauschung, also inkognito, sein.
Seligmannn beugte sich zu Ben Zion vor. Diesmal sprach er mit ernstem, fast beschwörendem Tonfall. „Das, was ihr da vorhabt, General, ist eine große Sache. Mit deinen Leuten ... und ja, natürlich mit unserer bescheidenen Hilfe“, er schaute Mosche direkt in die Augen, „das ist so großartig, so grandios, so ungeheuerlich! Sehr selten gab es in der Menschheitsgeschichte die Chance für eine so kleine Gruppe, wie ihr es seid, eine so weltumfassende Veränderung, so ein so enormes politisches Erdbeben auf dem gesamten Globus, auszulösen!“ Der CIA- Mann im Dienst seiner Regierung mobilisierte sein ganzes psychologisches Geschick. Nicht zufällig galt er bei seinem Vorgesetzten als der ideale Mann für diese Angelegenheit. Er nahm nochmals Anlauf,: „Und ihr könnt euch auf uns verlassen! Du hast mir verschiedene Bankkonten in Europa genannt, ich habe sie randvoll gefüllt, wie vereinbart. Du hast mir eine Materialliste gegeben, ich habe das Zeug beschafft, wie verabredet. Wir haben einen Termin vereinbart, und wir werden uns genau an den Zeitplan halten, wie abgemacht.“
Mosche Ben Zion entspannte sich, schaute hoch, schien beruhigt. Er setzte sich wieder aufrecht, und Leon Seligmannn lehnte sich zurück.
Gleichzeitig griffen beide nach ihren Handys, um das zu tun, was rundherum dDutzende Mitbürger auch machten taten.: Iin die laute, permanente Kakophonie unzähliger laut sprechender Israelis einzustimmen. In einem Land, in welchem es erheblich mehr Handys gibt, als es Einwohner zählt, zwischen Straßenmusik und Geräuschen von Espressomaschinen, elektrischen Saftpressen und schwatzenden Besuchern der Eisdielen. Hier konnten sie ganz sicher sein, diskrete Unterhaltungen in der Öffentlichkeit zu führen und trotzdem vorn neugierigen Ohren verschont zu bleiben.
4.1
In der Zwischenzeit erreichten Kommissarin Zipori und Untersuchungsbeamter Chalil den großen Parkplatz beim Mahnmal. Der Platz war wie ausgestorben. Die verschiedenen Reiseveranstalter planten die Tagesausflüge für ihre Gäste so, dass sich niemand zu lange der brütenden Mittagshitze aussetzen musste. Außerdem war es Zeit für das Mittagessen. Dieses ist bekannterweise auch frommen Pilgern, eifrigen Friedensaposteln und feinsinnigen Kulturmenschen immer noch heiliger als alles andere. Hafez lenkte seinen Wagen über den großen Parkplatz, so wie ein Kind beim Autoscooterfahren auf dem Rummelplatz. Ganz hinten stand der gelbe Käfer von Nir. Wie eine einsame Pusteblume, die sich ihren Weg zwischen den Pflastersteinen einer Straße zur Luft und zur Sonne bahnt. „Auf zum Löwenzahn!“, rief er, und fuhr in Slalomlinien, reifenquietschend auf den anderen Wagen zu, um im letzten Moment doch nicht anzuhalten. Er riss das Lenkrad herum, drehte einen großen Bogen um das kleine Auto und setzte an, zu einer neuen Zickzackfahrt über die große Piste. Zwischendurch schaute er sich immer wieder zu Nir um. Sie hielt sich am Haltegriff über der Tür und am Armaturenbrett fest. Sie schien entschlossen zu sein, weder sein Herumtollen zu kommentieren, noch irgendwelche Regungen zu zeigen. Schon gar nicht sollte Hafez in den Genuss kommen, sie ängstlich kreischen zu hören. Überdies schien ihr dieses Spiel reichlich kindisch. Vor allem aber, sie hatte immer noch die schlimmen Bilder vor Augen. Sie konnte den in Fesseln Gemeuchelten im Wadi nicht vergessen.
Wie dickhäutig musste dieser Mann neben ihr sein! Dass er nach einem derartigen Erlebnis so schnell zu solchen übermütigen Albernheiten fähig war. Doch der Kollege aus Ramallah schien ihre aufsteigende Wut nicht zu bemerken, oder bemerken zu wollen. Er summte vergnügt irgendeine arabische Melodie. „Auf ein Neues!“, röhrte er und gab Gas. Der große Toyota schaukelte und hüpfte. Sein Besitzer quälte das Gefährt zwischen den Maulbeerbäumen über den Platz. Staubwolken wurden vom Wind getragen, und setzten sich wieder auf die großen, dunkelgrünen Blätter der Zierbäume.
„Jetzt reicht’s es aber!“, schrie Nir plötzlich auf,. „wWas soll der Unsinn, hör’ endlich damit auf!“ Hafez bremste augenblicklich seinen Wagen ab, und blieb in der Mitte des großen Parkplatzes stehen. Er stellte den Motor ab und drehte sich zu Nir um.
„Bist du völlig übergeschnappt? Bin ich hier auf dem einem Kinderspielplatz?“, funkelte sie ihn an.
Doch er betrachtete sie nur ernst. Ein dünnes Lächeln keimte zwischen seinen Augen auf, wuchs, und breitete sich schließlich über sein gesamtes Gesicht aus.
„Das war für mich so was, wie den Schmutz von den Händen abzuwaschen. Das war meine Art, mich innerlich ... also, ich wollte nur den blutigen Sand abschütteln aus von meiner Seele, Frau Kommissarin.“ Er sprach leise mit gutmütiger Stimme,: „Und auch dir hat es gut getan. Du warst sehr, sehr blass, die ganze Rückfahrt lang, deine Wangen aschgrau ... und jetzt, jetzt hast du wieder Farbe im Gesicht.“
Nir musste sich noch festlegen. Was sollte sie von dieser Erklärung halten? Sie entschied sich weiter für den Zorn, fand jedoch keine Spur mehr von diesem Gefühl in sich. Fast trotzig saß sie auf dem Beifahrersitz und versuchte wenigstens zu schmollen. Von links schwebte eine geöffnete Hand in ihr Blickfeld. Darauf lag ein kleiner Haufen von Rosinen und Cashew-Kernen.
Sie hörte seine Stimme, weich, fast flüsternd. Als würde er zu sich selbst reden,: „Ein paar Nächte lang werde ich noch davon träumen, vielleicht sogar ... egal. Dann ist es überstanden ... so ist unser Job nun mal, Frau Kommissarin.“
Nir drehte sich zu ihm. Sie nickte langsam mit dem Kopf. Dann nahm sie einige Rosinen und Cashews, schob sie gedankenverloren in den Mund.
Hafez, dieser palästinensische Polizist, der war vielleicht doch gar nicht so übel. Tränen mussten nicht mehr zurückgehalten werden ... und auch das darauf folgende Lächeln nicht.
„Es gibt ein arabisches Sprichwort.“, Hafez drehte sich zu ihr um. „Vielleicht vergisst du den, mit dem du gelacht hast“, zitierte er, „aber nie den, mit dem du geweint hast.“
„Ich habe Angst, Hafez“, hörte sie sich selbst leise sagen, „es ist wirklich entsetzlich!“
„Wovor hast du Angst, Nir? Dass der Täter demnächst wieder zuschlägt, nachts in deinem Traum? Oder in der Wirklichkeit? Das können wir im Moment, bei unserem jetzigen Ermittlungsstand, so, wie die Dinge eben stehen, auch gar nicht verhindern.“ Hafez bemühte sich. Immerhin würde diese Frau neben ihm für die nächsten Tage seine Kollegin sein. Doch er fühlte sich etwas hilflos, was konnte er schon Tröstendes sagen. „Ja, klar, es macht schon Angst, wie Menschen manchmal miteinander umgehen. Aber weißt du, was schon der große Ibn Sina, ein islamischer Philosoph und Arzt, der vor etwa tausend Jahren gelebt hatte, gesagt hat?“ Dieser Beamte aus Ramallah, dachte Nir, scheint sogar gebildet zu sein! „Es gibt zwei Tage, um die du dich nicht zu kümmern brauchst. Um den Tag, der noch nicht gekommen, und um den, der schon vergangen ist.“
Nir unterbrach ihn,: „Wir sitzen hier sozusagen im Schatten eines Denkmals, das an die wunderbarste Befriedung des einundzwanzigsten Jahrhunderts erinnert. Eine Art Mirakel, welches vor nur wenigen Jahren uns allen geschehen ist! Ein Frieden wurde uns geschenkt, eine wirkliche Aussöhnung. Eine historische Chance auf eine tatsächliche Vergebung zwischen zwei Völkern. Deren Geschichte, Mentalität und sogar Religion sich gar nicht so sehr voneinander unterscheiden. Und dies geschah auf eine Art und Weise, die fast allen Bürgern das Gefühl gab, nicht einmal zu viele Opfer dafür erbracht zu haben, zu viele Kompromisse eingegangen zu sein, oder zu viel Verzicht geleistet zu haben.“
„Und was macht dir da Angst?“
„Ich weiß nicht ...“, sie schüttelte langsam ihren den Kopf, „wir wissen nicht, wer hinter dieser Tat steht. Aber es gab vor kurzem schon einmal eine ähnliche Geschichte ...“
„Bitte? Wie war das?“, Hafez war überrascht, er schien tatsächlich keine Ahnung zu haben.
„Ja, in Hebron“, klärte ihn Nir auf, „da wurde auch eine nicht ganz unbekannte palästinensische Persönlichkeit ... der Name ist mir jetzt entfallen. Aber dort wurde das Opfer ... gesteinigt! Stell dir vor, wie in biblischen Zeiten.“
„Das gibt’s nicht!“
„Leider doch! Und die Sache wurde auf Anordnung von ganz oben, von der Wahrheitskommission, eingemottet.“
„Und warum ... warum weiß ich nichts davon nichts?“
„Die wollten allem Anschein nach einen großen Wirbel verhindern. Das junge, feine Gefüge eines Zusammenlebens von Arabern und Juden in diesem Land ist noch nicht so selbstverständlich. Noch nicht unendlich belastbar.“
„Und wie kommt es, dass ich nichts ... und du schon davon gehört hast?“
Hatte sie einen beleidigten Unterton in Hafez’ Stimme wahrgenommen? „Abutbul, mein Vorgesetzter in der Polizeiwache, war mit dem Fall beschäftigt. Deshalb ...“
„Und?“
„Wie ich schon sagte, der Fall wurde ihm wieder entzogen. Anordnung von oben, ganz, ganz oben ...“
„Die Wahrheitskommission, verstehe“, murmelte Hafez, „um den Hitzköpfen keine Brandnahrung zu liefern.“
„So ist es! Auch wenn solch eine Absicht gar nicht bestand. Also mutwillig Unfrieden zu stiften. Sogar, wenn es die Einzeltat eines Verrückten war, vielleicht ein Familiendrama oder eine persönliche Abrechnung. Trotzdem hätte die Veröffentlichung viel Staub aufgewirbelt.“
Nir schaute durch die Windschutzscheibe ins Leere.
„Jetzt allerdings ist es kein Einzelfall mehr, oder?“, bemerkte Hafez.
„Übrigens, mein Chef, dieser Abutbul, legte die Geschichte sehr schnell und sehr gerne zu den Akten. Bis heute frage ich mich, ob er sich einfach nur die Finger nicht verbrennen, den Fall bewusst nicht lösen wollte oder konnte, oder schlicht zu faul war.“
Hafez Chalil hörte aufmerksam zu. „Und jetzt, nachdem da wieder eine ähnliche Geschichte vorliegt, schon zum zweiten Mal, machst du dir gleich Sorgen um ein ganzes Land, einen ganzen Staat?“
„Um ehrlich zu sein, ja.“ Nir wählte ihre Worte vorsichtig,. „Ich will nicht gleich den Teufel an die Wand malen, ich will auch nicht paranoid erscheinen. Aber wenn der oder die Mörder ein drittes Mal zuschlagen, nach gleichem oder ähnlichem Muster ... dann ist hier unter Umständen bald die Hölle los.“
„Hölle, was für eine Hölle?“
„Na ja, der Teufel ist dann los, das, was ich vorhin gemeint habe!“
„Im Islam ist Schaitan, also Satan, der Widersacher des Menschen. Aber nach islamischer Lehre ist auch Schaitan nur ein Geschöpf Allahs“, erklärte Hafez.
„Wir glauben, dass Iblis, also der Teufel, durch Allah zum Anführer der Engel ernannt wurde, als Geschenk für seine guten Taten. Er selbst ist jedoch kein Engel, sondern ein Dschinn. Deshalb weigerte er sich aus Hochmut, sich vor Adam auf Befehl Allahs niederzuwerfen, da er aus rauchlosem Feuer geschaffen ist und den Menschen, der aus Lehm geschaffen wurde, als minderwertig betrachtet.“
Nichts interessierte Nir in diesem Moment weniger.
„Schön, Hafez, aber wie auch immer er sich nennt, diese Sache wird noch Tod und Teufel auf den Plan rufen!“ Nir schien sich wirklich Sorgen zu machen.
„Na, na, lassen wir mal den Teufel und die Hölle aus dem Spiel. Außerdem: wWoher weißt du, dass es ein Mann war? Vielleicht haben wir es mit einer Täterin zu tun?“
Nir fand seine Spitze gar nicht so komisch, und Hafez bemerkte es sofort. Sie funkelte ihn an,: „eEine Täterin? Dann haben wir auch schon ihren Namen. Nein, sie hat viele Namen: Angst, Bosheit, Missgunst, Bitterkeit, Eifersucht, Rache, Wut ... noch mehr?“
Hafez grinste breit, nickte aber eindeutig zustimmend.
„Und wenn ein politisches Motiv dahinter steckt“, ergänzte sie, „dann sind es Eitelkeit und Macht und die ewige Raffgier der schon sowieso schon sehr Reichen. Und dann ... dann gnade uns Gott!“
Irgendwo im Wagen klingelte ein Handy. Es hörte sich fremdartig an. Zum einen klangen die Töne seltsam gefiltert, zum anderen war der Klingelton nichts anderes, als die neueste Version eines bekannten Hits im Stil der Rai-Musik.
Hafez suchte etwas chaotisch nach seinem Telefon. Er tastete die vielen großen Taschen seiner Pparka ähnlichen Jacke ab. Dann suchte er auf und in den verschiedenen Ablagen des Toyotas. Er förderte jede Menge Kleinode der Natur zutage, das Handy war jedoch nicht dabei. Das Signal des Mobiltelefons ließ nicht locker.
Nir fing an zu lachen.
Die Taschen ihres Kollegen und sein ganzer Wagen erwiesen sich als ergiebige Quelle für eine seltsame, aber eindrucksvolle Sammlung von Naturpräparaten. Diese hätte eine große Bereicherung für die Vitrine von Anschauungsobjekten in einem Biologiezimmer einer jeden Schule abgegeben.
„Derjenige verdient es, ins Paradies zu gelangen, der seine Freunde zum Lachen bringt“, rezitierte Nir lachend.
„Oh, du kennst den Koran!“, sagte Hafez bewundernd. Das Handy musizierte weiter, sein Besitzer wurde jedoch keineswegs hektisch, und Nir amüsierte sich köstlich. Derweil sprudelten die Klänge, die auch sie liebte, wie aus einem unsichtbaren gläsernen Trichter.
Diese Musik im Rai-Stil war in Israel-Palästina erst in den letzten Jahren in Mode gekommen, auch wenn sie in Europa, und besonders in Frankreich, schon seit Jahrzehnten gepflegt wurde. Rai war eine algerische Volksmusik, die aus den einfachen Hirtenmelodien im Umland der Hafenstadt Oran hervorgegangen ist hervorging. Nicht zuletzt durch viele weibliche Sängerinnen, entwickelte sie sich zu einer modernen und beliebten Klangwelt. Nicht nur Araber, sondern auch viele Juden schätzten diese Art von Liedvertonung.
Abrupt wurde die Musik unterbrochen. Hafez hatte nämlich sein Handy in einer flachen Plastikbox, die in seiner Jackentasche steckte, gefunden. Diese lag zwischen einer Sandrose und einem vertrockneten Skorpion. Er drückte auf die grüne Taste, meldete sich und lauschte. Immer noch amüsiert, schaute Nir Hafez beim Telefonieren an.
Er wiederum fand das Ganze plötzlich gar nicht mehr lustig. Was ihm da mitgeteilt wurde, schien sogar diesen besonnenen und ausgeglichenen Mann zu beunruhigen. Sein Gesicht verfinsterte sich und mit ihm auch Nirs Miene. Sie hob fragend ihre Augenbrauen. Hafez deutete zuerst ein „wWarte einen Moment“ an. Dann raunte er ein „Muschkela, gibt’s es ein Problem?“ in den Hörer.
„Misch kwayyes ... gami ... mustaschfa ... ism boliz ... kifaya kida!!“
Nir hörte zu. Die Worte, die sein Gesprächspartner wohl sagte und Hafez anscheinend nur wiederholte.
„Schlecht ... Moschee ... Krankenhaus ... Polizeirevier ... das reicht!“
Hafez Chalil schien plötzlich verstört. „Verdammt, du hattest recht! Du hast mit deinen Befürchtungen gar nicht so falsch gelegen, Nir. Hunderte haben sich vor der großen Moschee von Ramallah zusammengerottet und skandieren antijüdische Parolen. Bei Zusammenstößen mit unserer Polizei wurden sogar zwei Beamte verletzt, elf Demonstranten mussten wir verhaften.“
„Dann hat dieses Ereignis“, Nir sah erschrocken aus, “... dann hat diese Geschichte schon die Runde gemacht und Unruhen ausgelöst!“
„Genau, wie du es befürchtet hast. So, wie du es vorhergesagt hast“, bestätigte Hafez. „Und ich muss leider sofort zurück! Wir haben für solche Fälle einen Notplan in der berühmten Schublade. So was wie einen „Deeskalationsplan“. Das Entspannungsmanagement nennen wir das. War letztes Jahr auf Anweisung der Wahrheitskommission entwickelt worden.“
„Ja und?“, fragte Nir.
„Ich muss sofort zurück, jeder hat da seine festgelegte Aufgabe. Du kennst ja das Procedere. Ich melde mich bei dir so schnell ich kann.“
Nir stieg aus dem Wagen und schaute nochmals kurz durch das Fenster an der Beifahrertür.
„Mach’s gut, Hafez.“ Sie überlegte, was sie ihm noch sagen konnte,. „Und fahr vorsichtig!“
Er schaute sie an und lachte hell auf,: „Allaa ysallimak!!”
4.2
Als Nir und Hafez, jeweils im eigenen Wagen sitzend, den Parkplatz des Mahnmals „Berlin“ verließen, klingelte das Telefon im Amtszimmer von Menachem Harichbi, dem Minister für Polizei und innere Sicherheit. Der hohe Beamte musste nur noch ein paar Tage der Verantwortung seines Amtes walten. Bald würde er turnusgemäß, wie es das neue Gesetz vorsah, von seinem palästinensischen Kollegen abgelöst. Ministerämter waren im neuen Staat Israel-Palästina kaum noch prestigeträchtige Positionen von Glanz und Macht. Es waren eher höhere Posten im staatlichen System, mit nur mäßiger Entscheidungsbefugnis und eingeschränkter Autorität. Die wirkliche Befehlsgewalt lag bei der sogenannten „Wahrheitskommission“.
Der Klingelton plätscherte recht manierlich dahin, eine kultivierte Abfolge von Noten, eine Art Mozart-Verschnitt. Minister Harichbi, der eben noch mit seinem Gast in einer edlen ledernen Sitzecke saß gesessen hatte, stand auf. Er hatte es aber scheinbar anscheinend nicht besonders eilig. Er blieb stehen, strich eine Falte aus der silbergrauen Jacke seines Anzugs aus und zog noch einmal an seiner Zigarre. Dann wendete er sich zu seinem noch sitzenden Besucher,: „Was du nicht sagst! Haben wir das nicht schon ein paar Mal durchgekaut? Das, was wir vorhaben, ist doch ganz was anderes!“ Er suchte nach der richtigen Formulierung,. „Natürlich ist der Plan nicht ganz neu. Deine Freunde ... deine Leute haben ja schon vor zig Jahren dasselbe versucht. Und ja, wie wir alle wissen, das muss leider gesagt werden, es war ein Flop. Ein totaler Fehlschlag! Das Problem war, dass zu viele von der Sache gewusst haben. Wenn eine konspirative Gruppe zu groß ist, wird es früher oder später immer eine undichte Stelle geben. Na ja, dann sind sie eben in flagranti erwischt worden.“ Er zog nochmals genießerisch an seiner Havanna. „Aber die Idee an sich ist doch einfach super. Sie ist eben genial. Man kann eine solche Idee sehr wohl auch ein zweites Mal verfolgen.“
Sein Gast, Rabbiner Chanan Sternheimer, nickte zustimmend. „Sag’ ich doch, das würde unseren langen Marsch wunderbar verkürzen.“ Er hob seinen Zeigefinger,. „Hätte man bei der Erschaffung der Welt eine Kommission eingesetzt, dann wäre die Welt heute noch nicht fertig. Wie recht hatte doch dieser Georg Bernhard Shaw!“ Er hob nun seine beiden Hände,. „Manchmal muss man eben der Geschichte etwas nachhelfen. Und, na ja, damals ist es eben schief gegangen, aber wir hier in Kanaan haben ja alle Zeit der Welt, oder?“
„Die ersten Pioniere der Luftfahrt sind auch zuweilen abgestürzt, das will aber nichts heißen.“, dDer Polizeiminister nahm den Faden wieder auf. „Damals, als dieser Plan zum ersten Mal versucht wurde, waren allerdings die Vorbereitungen ziemlich unprofessionell gemacht worden verlaufen. Ich meine,: von deinen Gefährten ...“, eEr gestikulierte mit seiner Zigarre herum. „Und wie ich schon sagte, zu viele Menschen wussten davon, viel zu viele! Wie hätte man bei so einer Menge von Mitwissern, die aufrechten, treudienenden Aktivisten von den infiltrierten Mitarbeitern des Inlandgeheimdienstes unterscheiden können? Es Das musste ja auffliegen!“